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Die Gründung der Wiesbadener Ortsgruppe des Katholischen Fürsorgevereins


In Wiesbaden bestand seit 1904 eine Ortsgruppe des Katholischen Frauen­bundes. Die Notwendig­keit, in dieser Stadt auch auf dem Gebiet der Für­sorge für „gefallene Mädchen" aktiv zu werden, schien offenkundig:

„Im Laufe des Jahres 1906 trug sich der Ka­tholische Frauenbund zu Wiesbaden mit dem Gedanken, hier ein Zufluchtshaus für gefallene Mädchen zu errichten. Verschiedene höchst trau­rige Vorkommnisse hier und in der Umgegend hatten zu diesen Erwägungen Veranlassung ge­geben. Es wurde dem Plane näher getreten da­durch, daß der Frauenbund Frau Amtsgerichtsrat Neuhaus aus Dortmund veranlaßte, hierher zu kommen. Genannte Dame ist unstreitig eine der größten Frauen unserer Zeit. Auf dem Gebiete der Fürsorge für weibliche Gefährdete und Ge­fallene nimmt sie die erste Stelle ein. Unzähligen Mädchen hat sie geholfen sich nach dem Falle zu erheben und viele Anstalten zu deren Schutz ins Leben gerufen." 8

Agnes Neuhaus nahm die Einladung an. Sie traf am 5. Dezember 1906, auf der Rückreise von Wien, in Wiesbaden ein. Am Abend nach ihrer Ankunft sprach sie zu den aktiven Mitgliedern des Katholischen Frauenbundes Wiesbaden und am darauf folgen- den Tag nochmals zu den Mitglie­dern des Altarvereins über die Ziele, die Tätigkeit und die bisherigen Erfolge der damals bereits bestehenden 39 Für­sorgevereine für Mädchen, Frauen und Kinder. Dabei entstand der Plan, auch in Wiesbaden einen solchen Verein zu gründen, mit dem Ziel, ein Zufluchtshaus einzurichten.

Großen Wert legte Agnes Neuhaus auf die Unabhängigkeit der Ortsgruppen von anderen örtlichen Vereinen. So lehnte sie den Vorschlag entschieden ab, die neue Ortsgruppe dem Wies­badener Katholischen Frauenbund anzugliedern. Die katho- ­lischen Fürsorgevereine sollten so eigen­ständig wie möglich agieren können und sich für ihre Arbeit alleine verantwortlich fühlen. Sie sollten sich lediglich dem Gesamtverein in Dortmund an­schließen. Offenbar verstand es Agnes Neuhaus hervorragend, ihre Zuhörerinnen zu überzeugen. Als Ergebnis der Beratungen wurde der Beschluss gefasst, eine eigene Ortsgruppe des Fürsorgever­eins für Frauen, Mädchen und Kinder unter dem Dach der Zentrale in Dortmund zu grün­den. Vier Frauen, Gräfin Julie Matuschka-Greiffenklau 9, Frau Maria Siegfried, Fräu­lein Dorothea von Witzleben und Fräulein Mathilde Großmann 10, erklärten sich bereit, den Vorstand zu bilden, wobei Mathilde Großmann als Erste Vor­sitzende fungieren sollte.

Das nächste Mal kamen die Frauen am 28. Dezember, dem Tag nach dem Fest des Apostels Johannes, zusammen. Dies gab den Anstoß, die zu gründende Zuflucht Johannesstift zu nennen.


   Satzung des Wiesbadener Fürsorgevereins von 1907
   (Bildnachweis: SkF Wiesbaden)


Gemäß den Zielen des Zentralvereins sahen es die Mitglieder der Wiesbadener Orts- gruppe als vorrangige Aufgabe an, sich jenen Mädchen und jungen Frauen zu widmen, die oft ohne ei­gene Schuld „in das tiefste sittliche Elend" geraten waren und die deshalb von der Gesellschaft verachtet wurden. Sie waren in der Regel ohne familiären Schutz und Halt und gingen häufig der Prostitution nach, um ihren eigenen und den Le­bensunterhalt ihrer Kinder zu fristen. Sie wollte man wieder auf den rechten Weg bringen. Dazu brauchte man zwei Dinge: ein Haus, um die Schützlinge sicher unter- zubringen, und erfahrene Betreuerinnen, „die sich in uner­müdlicher Hin­gebung der ihnen Anvertrauten annähmen und ihnen liebevolle Anleitung zu Arbeit und Besse­rung zukommen ließen". 11


   Mathilde Großmann
   (Bildnachweis: SkF Wiesbaden)


Während der ersten Hälfte des Jahres 1907 widmete sich der junge Verein der Lösung dieser beiden Aufgaben. Verstärkung erhielt der Vorstand, als im Februar 1907 weitere aktive Frauen dem Verein beitraten: Maria Freifrau von Bleul 12, Frau Direktor Anna Schipper 13 und Frau Rechnungsrat Margarete Trimborn 14. Im Vor­stand verteilte man die Aufgaben nun wie folgt: Frau Großmann hatte den Vorsitz inne, Frau Schipper über- nahm das Amt der ersten Schriftführerin, und Frau Sieg­fried das der Schatzmeisterin, das später Frau Trim­born übertragen wurde. Noch im gleichen Jahr ernannte man auch einige einflussreiche Män­ner - die Ärzte Dr. Berberich und Dr. Schrank, Zahnarzt Dr. Christ, Rechtsanwalt Kriese, Direktor Schipper, den Stadtverordneten Fink, den König­lichen Archivar Dr. Domarus und Rechnungsrat Trimborn -zu Ehrenmitgliedern. Sie halfen dabei, den Verein öffent­lich bekannt zu machen und Förderer zu gewinnen. 15

Auf einer Sitzung am 20. März, an der Frau Neuhaus und Prälat Dr. Keller teil­nahmen, fasste man den Beschluss, die Leitung des Zufluchts­hauses den barm­herzigen Schwestern vom Orden des Hl. Augustinus, deren Mutterhaus in Köln war, zu übertragen. Es war zu jener Zeit nicht einfach, Nonnen für diese Aufgabe zu finden, denn bis dahin hatten nur ganz vereinzelte Orden sich bereit erklärt, „die Sorge für gefallene und gefährdete weibliche Personen" zu über­nehmen. In manchen Fällen gestattete es die Ordensre­gel nicht, „diejenigen im Haus zu behalten, bei denen die Folgen der Sünde zutage treten". Gerade diese unehe­lichen Mütter bedurften jedoch der Hilfe und eines Ortes, wo sie entbinden und mit ihren Säuglingen bleiben konnten. Agnes Neuhaus hatte seit Bestehen ihres Fürsorgever­eins durch unermüdliche Gespräche mit kirch­lichen Behörden und Ordensoberen erreichen können, dass sich einige Ordensgemeinschaften dieser Aufgabe nun nicht mehr verschlossen. 16

Am 10. April 1907 fand auf einer Mitglieder­versammlung der offizielle Gründungs­akt des Wiesbadener Vereins statt, bei dem die Satzung angenommen wurde. Darauf erfolgte die Eintra­gung beim Amtsgericht unter dem Namen „Für­sorge­verein Johannes- stift Wiesbaden", die am 30. April 1907 bescheinigt wurde. 17 1925 wurde der Name in „Katholischer Fürsorgeverein für Mäd­chen, Frauen und Kinder" geändert, vermutlich, um die Zugehörigkeit zum Zentralverein nach außen hin deutlich zu machen.

Mathilde Großmann verbrachte einen Großteil des Monats April 1907 in der Zen­trale in Dort­mund, um sich über die auf sie zukommende Arbeit informieren zu lassen und von den dor­tigen Erfahrungen zu lernen. Auf der Rückreise besuchte sie das Zufluchtshaus Köln-Bayenthal, in dem 100 Mädchen von Augustinerinnen be­treut wurden, und war sehr beeindruckt von der Ordnung und der Atmosphäre in der Einrichtung. Sie lernte dabei auch einige der Schwestern ken­nen, die bald darauf die Führung des Wiesba- de­ner Johannesstifts übernehmen sollten. Vom 29. April bis 10. Mai nahm Mathilde Großmann noch an einem Fürsorgekurs in Frankfurt am Main teil.

Sie nahm ihre neue Aufgabe also sehr ernst und bereitete sich sorgfältig vor. 18

Bevor die Augustinerinnen die Arbeit in Wies­baden aufnehmen konnten, bedurfte es jedoch noch einiger bürokratischer Akte. In Begleitung von Agnes Neuhaus und von Prälat Dr. Keller, dem Wiesbadener Stadtpfarrer, reiste Mathilde Großmann persönlich nach Limburg, um die Zu­stimmung des Bischofs, Dominikus Willi, 19 zur Niederlassung der Kölner Augustinerinnen in Wiesbaden einzuholen. Dieser willigte ein und versprach, die Einrichtung des Johannesstifts in jeder Weise zu unterstützen. Auch beim zuständi­gen Staatsministerium in Berlin musste eine Ge­nehmigung beantragt werden. Sie traf am 25. Au­gust 1907 schriftlich ein und wurde vom Vorstand mit großer Freude aufgenommen. Allerdings war darin die Einschränkung enthalten, dass in der Zu­fluchtsstätte nur „sittlich gefährdete und gefallene Personen katholischer Konfession Aufnahme fin­den" sollten, während der Verein ursprünglich be­absichtigt hatte, „Un- glückliche aller Konfessionen in dem Zufluchtshaus aufzunehmen". 20

Nun musste möglichst rasch ein Anwesen gefunden werden, das sich für eine Zuflucht eig­nete. Seit Beginn des Jahres 1907 war ein Immo­bilienmakler mit der Suche beauftragt, und die Damen des Vorstands hatten sich etliche Objekte angeschaut. Schließlich entschied man sich für das Anwesen Platter Straße 66/68, das man be­sonders wegen der Aussicht auf die Taunuswäl­der und die Lage gegenüber dem alten Friedhof, der nicht verbaut werden konnte, favorisierte. Die Gebäude waren zuvor einige Jahre lang vom ka­tholischen Waisenhaus angemietet und genutzt worden, bevor dieses in ein neu errichtetes Haus in der Platter Straße 5 neben der Maria-Hilf-Kir-che umziehen konnte. 21

Der notarielle Kaufvertrag wurde am 14. Juni 1907 unterzeichnet; der Kaufpreis betrug 63.000 Mark, wovon 10.000 Mark sofort bezahlt werden mussten. Am 1. August 1907 ging das Eigen­tumsrecht für das Anwesen Platter Straße 66/68 auf den „FürsorgeDie Eröffnung des Johannesstifts in WiesbadenDie Eröffnung des Johannesstifts in WiesbadenDie Eröffnung des Johannesstifts in WiesbadenDie Eröffnung des Johannesstifts in WiesbadenDie Eröffnung des Johannesstifts in WiesbadenDie Eröffnung des Johannesstifts in WiesbadenDie Eröffnung des Johannesstifts in Wiesbadenverein Johannesstift Wiesba­den" über. 22



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Lizenz: CC BY-NC-ND 3.0



























































































































































Stand: 16.10.2018




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