100 Jahre Ortsverein Wiesbaden
Festvortrag von Gaby Hagmans

Festvortrag „Was würde Agnes-Neuhaus dazu sagen?“

Gaby Hagmans beleuchtet aktuelle sozialpolitische Fragestellungen

Es gilt das gesprochene Wort



Agnes Neuhaus ruft uns zum Handeln auf!“



Stichpunkte zum Thema



Zur Person Agnes Neuhaus

Tochter eines Arztes 1854 in Dortmund geboren und in einer streng katholischen Familie aufgewachsen. Heiratet einen Juristen, drei Kinder. Sie fühlte sich berufen, besonders durch den Besuch einer Krankenstation, auf der Frauen mit Geschlechts­krankheiten behandelt wurden, im Januar 1899 war das. Schon im Dezember folgte nach einem Gottesdienst in Dortmund die Gründung des Vereins zum Guten Hirten, der diese Mädchen in Klöstern unterbrachte und dort versorgte.

Was bewegte sie? Als tiefgläubige Katholikin konnte Agnes Neuhaus am Elend der Menschen nicht vorbeisehen und fühlte sich aufgefordert zu handeln und die Situation für diese Frauen und Mädchen zu verbessern. „Fürsorgearbeit ist Liebeswerk von Menschen für Menschen“ ist ein bedeutendes Zitat in diesem Zusammenhang. Sie selber hielt sich nicht unbedingt für fähig für diese Arbeit aber sicher in ihrem Glauben und der Gewissheit der Führung durch unseren Erlöser. Dieses Urvertrauen gab ihr die Kraft beim Aufbau des Vereins und der folgenden politischen Arbeit.

Und die Werte des christlichen Glaubens waren für sie handlungsleitend, die Liebe Gottes zu jedem Menschen und damit die Wertigkeit jedes Menschen in seiner unnachahmlichen Gestalt und seiner Individualität. Das Aufgerufensein jedes Einzelnen sich gegen Ungerechtigkeiten einzusetzen und den Armen zu helfen. Für Agnes Neuhaus waren das nicht leere Regeln, sie fühlte dies und lebte danach.

Sicherlich war auch wichtig, dass sie eine charismatische Persönlichkeit hatte, sie konnte begeistern, überzeugen, Menschen zusammenführen und sich hart­näckig für ihre Anliegen einsetzen. Und sie fand die Wege, die zu gehen waren, um ihre Ziele zu verwirklichen.

Agnes Neuhaus ist nicht nur die Gründerin unseres Vereins und damit an Tagen wie heute in ihrer Bedeutung für uns hervorzuheben, sie war darüber hinaus eine der wichtigsten Persönlichkeiten in der Sozialpolitik zu Beginn des letzten Jahr­hunderts.

Als mich der SkF-Wiesbaden einlud, heute den Festvortrag zu halten und mir das Thema bekanntgab, habe ich begeistert zugesagt. In der Auseinandersetzung wurde mir die Vermessenheit meinesVorhabens bewusst. Ich will daher ver­suchen, ausgehend von einigen fachlichen Überzeugungen von Agnes Neuhaus und Beispielen ihres Handelns eine Linie zu legen zur aktuellen sozialpolitischen Situation in Deutschland aus meiner Sicht.

Für mich als Jugendpolitikerin steht hier an erster Stelle die Bedeutung von Agnes Neuhaus für die Entwicklung des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes. Es waren die Frauen, die den Weg für das Gesetz ebneten

Wir Frauen hatten mit einer baldigen Vorlage dieses wichtigen Gesetzentwurfes sicher gerechnet und sind nun durch das Fehlen einer solchen in dem genannten Verzeichnis schmerzlich überrascht, da wir alle wissen, wie notwendig im Inter­esse unserer Jugend eine möglichst baldige reichsgesetzliche Regelung dieser Materie ist“ Interpellationsantrag vom 20.11.1920.

Dieser Antrag wurde von Agnes Neuhaus initiiert und von 33 Frauen aus allen Reichstagsfraktionen unterzeichnet. Ein Zeichen für ihre Überzeugungsfähigkeit und Ausdruck ihres Wissens um die Notwendigkeit einer fraktionsübergreifenden Mehrheit als Grundlage für solche Gesetzesreformen. 1922 wurde das Gesetz vom Reichstag beschlossen, nach zwei Jahren intensiver Diskussionen, die maß­geblich durch Agnes Neuhaus bestimmt waren, da sie in allen relevanten Gremien vertreten war und gleichzeitig den damals äußerst einflussreichen Deutschen Caritasverband und die Zentrumspartei hinter sich brachte.

Was waren nun inhaltlich die wesentlichen Ansätze der RJWG (man bedenke, vor 85 Jahren, vieles werden Sie wiedererkennen):

  • Der Anspruch jeden deutschen Kindes auf Erziehung zur leiblichen, seelischen und gesellschaftlichen Tüchtigkeit für dessen Einlösung in erster Linie die Eltern, in zweiter Linie öffentliche Jugendhilfe und freie Tätigkeit verantwortlich gemacht wurden (§1 RJWG). Der Ansatz von Agnes Neuhaus war, die gefährdeten Kinder, oder auch gefallenen Kinder sicher unterzubringen und sie vor Armut und Krankheit zu schützen und ihnen gleichsam eine Erziehung angedeihen zu lassen, wie sie andere Kinder in der Familie erfahren. Heute öffnet sich wieder der Ruf nach öffentlicher Verantwortung für das Aufwachsen der Kinder (siehe 11. Kinder- und Jugendbericht)

  • Jugendhilfe wurde eigenständiger Bereich der Wohlfahrtpflege

  • Öffentliche und freie Jugendhilfe gleichberechtigt (dies stellte damals einen Kompromiss dar und kam der Realität deutlich näher als die über­deutlichen Subsidiaritätsbestimmungen im späteren Jugendwohl­fahrts­gesetzes von 1961. Vom sachlichen Gehalt her war diese Gleichrangig­keits­formel des RJWG nicht weniger modern als der Partnerschafts­gedanke des neuen KJHG

  • Die Jugendämter konnten Aufgaben an die freien Träger übertragen (damit übernahmen diese staatliche Aufgaben, Delegationsprinzip)

  • Quotenregel für die Zusammensetzung der zweigliedrig konzipierten neuen Jugendämter (zwei Fünftel freie Träger bei den stimmberechtigten nicht beamteten Mitgliedern des Jugendamtes)

  • RJWG galt als Eingriffsgesetz und weniger als Leistungsgesetz, wie das heutige KJHG

  • Das Fachkräftegebot. Es sollten ausgebildete und qualifizierte Fachkräfte sein, die in die Erziehung der Kinder eingriffen.

Gemessen an der gesellschaftlichen Situation, kann dieses Gesetz als eine wohlfahrtspolitische Pionierleistung verstanden werden, die wesentliche Grund­lagen bis heute definiert.

Über diverse Reformen hat die Jugendhilfegesetzgebung ihren Höhepunkt im heutigen KJHG erfahren.

Wichtige Prinzipien dieses mittlerweile auch schon über 16 Jahre alten Gesetzes (das das Ergebnis eines zwanzigjährigen Diskussionsprozesses darstellt) sind

  • Partnerschaftliche Zusammenarbeit öffentliche und freie Jugendhilfe

  • Leistungsgesetz, das Leistungen und Rechtsansprüche definiert

  • Einführung der Jugendhilfeplanung

  • Partizipation von Kindern und Jugendlichen

  • Einheit der Jugendhilfe (Zuständigkeit für alle Kinder und Jugendlichen von 0 bis 27 Jahre für alle Unterstützungsbedarfe)

  • Pluralität der Träger

  • Jugendhilfe als gesellschaftspolitische Einmischungsstrategie

  • Leistungsvereinbarungen

  • Fürsorgepflicht aller, die mit Kindern und Jugendlichen leben oder arbeiten

Sie sehen, dass viele Grundzüge des RJWG sich im KJHG wieder finden und damit Gedankengut von Agnes Neuhaus. Sie möge uns verzeihen, dass wir das staatliche Wächteramt ergänzt haben um die individuelle Förderung und Partizipation von Kindern und Jugendlichen. Sie sind heute weniger Objekte und mehr Subjekte der Jugendhilfe.

Leider ist es keinem Jugendhilfegesetz in den letzten hundert Jahren gelungen, seine oftmals modernen Prinzipien in der Realität weitestgehend umzusetzen. Gerade die Idee der Jugendhilfeplanung und die Anlage des Jugendhilfeaus­schusses finden sich so in der Praxis nicht überall wieder. Leider häufig mehr aufgrund unterschiedlicher Zwänge oder anderer politischer Auffassungen als aufgrund eines anderen Verständnisses der Zusammenarbeit in der Jugendhilfe.

Und das ist meines Erachtens ein Wesensmerkmal heutiger Sozialpolitik, die sich oft mehr an politischen Zwängen, sozial aktuell drängen Problemen, medialer Aufmerksamkeit und politischen Verhältnissen orientieren muss als an der Ent­wicklung des fachlich besten Konzeptes.

Auch heute haben wir, wie vor hundert Jahren, drängende soziale Probleme, die einer stärkeren gesellschaftlichen Aufmerksamkeit bedürfen. Erst dann entsteht eine Bewegung, die der Politik die Grundlage bietet, die notwendigen Reformen einzuleiten. Gesellschaft muss der Nährboden sein für Entwicklungen, die Politik ist Ausdruck und Umsetzung, nicht Initiative. Besonders Kinder und Jugendliche haben unter diesen Problemen heute und als Weichenstellung für ihre Zukunft zu leiden.

Ein paar Schlaglichter

  • Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland sind sozial am schlechtesten gestellt im Vergleich zum Rest der Bevölkerung. Armut, Arbeitslosigkeit, Bildung, Krankheit und schlechte gesellschaftliche Inte­gration betreffen diese Bevölkerungsgruppen mehr. Ist die Integrations­politik gescheitert? Gibt es überhaupt den Willen zur Integration? Wir lassen eine Parallelgesellschaft zu deren Konsequenzen für die Zukunft nicht abzusehen sind, deren Lebensbedingungen der in ihr lebenden Menschen jedoch heute schon nicht tragbar sind.

  • Was ist das Leitbild unserer Sozialpolitik? Die Hilfe in prekären Lebens­situationen von Menschen in unserer Gesellschaft oder das Handeln im Rahmen des finanzierbaren? Die Ökonomisierung war notwendig in den letzten Jahren, sie kann jedoch nicht ein fachliches Leitbild ersetzen. Sie erinnern sich vielleicht an die Diskussion der 90’ Jahre zur „BWLisierung der Jugendhilfe“. Neue Steuerungsmodelle, Leistungsbeschreibungen, Aus­schreibungen, Qualitätsmanagement, Wettbewerb und Kundenorien­tierung drohten den Ansatz der Jugendhilfe auf den Kopf zu stellen, da mit der notwendigen Verbesserung der wirtschaftlichen Abläufe bei den Trägern und einer effektiveren Steuerung der Maßnahmen über die Ansätze der „Betriebswirtschaft der Unternehmen“ auch deren Philosophie Einzug hielt. Und die ist nicht kompatibel mit unseren Prinzipien von Rechts­anspruch, Partizipation und individueller Unterstützung der Kinder und Jugendlichen im Sinne eines guten Aufwachsens.

  • Und nicht zuletzt der bleibende Sockel an Langzeitarbeitslosen, drohende Finanzkrise in den sozialen Sicherungssystemen (auch wenn derzeit der wirtschaftliche Aufschwung hier eine Atempause verschafft, werden dennoch für Langzeitarbeitslose keine neuen Stellen geschaffen), Kinder­armut und Bildungsungerechtigkeit

Was würde Agnes Neuhaus dazu sagen?

Sie würde sich aufgerufen fühlen, die Not der Menschen zu lindern, sie in ihrer Lebens­situation wahrnehmen und alles ihr mögliche tun, um Rahmenbedingungen zu verändern die ein gelingendes Aufwachsen und Leben in unserer Gesellschaft ermöglichen. Sie würde die Ärmel hochkrempeln und unerschütterlich für ihre Ideale eintreten.

Das ist das Phantastische an Demokratie, die Menschen können Veränderungen bewirken, sie müssen es nur wollen.

Um nicht nur in Problemen zu verharren hier ein Beispiel, wie dies gelingen kann.

Noch bis vor einigen Jahren war es gesellschaftlich nicht gewollt, das der Staat sich in die Erziehung der ganz kleinen Kinder einmischt. Durch viele Ereignisse, wie z.B.

  • 11. Kinder und Jugendbericht zu den Bedingungen des Aufwachsens in öffentlicher Verantwortung

  • Veröffentlichung von Fällen der Kindesvernachlässigung

  • Unsicherheit von Eltern im Umgang mit den Auswirkungen von Computer­spielen

  • Die Erkenntnisse aus der PISA-Studie

  • Wachsender Bedarf von Eltern für die Betreuung der unter 3-jährigen

  • Entwicklungspsychologische Erkenntnisse über die Bedeutung der ersten Lebensjahre für die Persönlichkeitsentwicklung

wuchs die gesellschaftliche Bereitschaft einer staatlichen Hinwendung zu dem Bereich von Bildung und Erziehung der unter 6-jährigen. Begonnen durch Christine Bergmann, verstärkt durch Renate Schmidt und zum Ergebnis gebracht durch Ursula von der Leyen, haben die Bundesministerinnen der letzten Jahre den Kairos erkannt und genutzt.

Ich glaube daran, dass die Probleme lösbar sind. Wir haben im SkF viele Frauen und auch Männer, die gute Ideen haben und die Kraft und den Einfluss sie in die Debatte zu bringen. Agnes Neuhaus ist hier ein gutes Vorbild, und auch in der Geschichte des SkF in Wiesbaden und des Johannesstift finden sie sich gestern und heute.

So gibt uns die Auseinandersetzung mit der Lebensgeschichte von Agnes Neuhaus die Erkenntnis der Machbarkeit, den Mut es zu wagen und die Gelassenheit zu wissen, dass nicht alles von Dauer ist.

Und zum Schluss möchte ich Ihnen etwas weiterleiten, was ich ebenfalls geschenkt bekommen habe. In diesem Jahr werde ich 40 und eine Freundin hat mir zu Beginn des Jahres ein Motto geschenkt, dass ich wiederum dem SkF Wiesbaden und dem Johannesstift für seine nächsten 100 Jahre schenken will

Du bist alt genug zu wissen, was du willst, und jung genug, es noch umzu­setzen.“



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Stand: 10.01.2013