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Jahre Ortsverein Wiesbaden Predigt des Stadtdekans Dr. Johannes zu Eltz zur Feier von 100 Jahren SKF Wiesbaden in Maria Hilf am 5. Juli 2007 Vorbemerkung: Der Predigt liegen Überlegungen von Erika Nehrkorn zur Bedeutung des Evangeliums vom Guten Samariter (Lk 10, 25-37) im SkF und der Brief «an meine Kinder» von Agnes Neuhaus zugrunde. Beides hat mir an verschiedenen, hier nicht eigens zitierten, Stellen gute Impulse gegeben. Das Evangelium ist kein Grußwort zu einer Jubiläumsfeier. Es hat es an sich, gefährliche Erinnerungen zu stiften und Feierlichkeiten zu beunruhigen, denn es ist „lebendig, kraftvoll und schärfer als jedes Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenk und Mark, und ein Richter ist es über Gesinnungen und Gedanken der Herzen“ (Hebr 4, 12). In seinem Evangelium ist der Herr Jesus präsent. Im Geschehen der Fürsorge, wie es Agnes Neuhaus genannt hat, ist Er auch präsent, und zwar auf beiden Seiten: auf der Seite dessen, der sieht und sich von Erbarmen zur Fürsorge bewegen lässt (vgl. Mt 14, 14 oder Lk 19, 5), und auf der Seite des Hilflosen und Hilfsbedürftigen, dem die Fürsorge gilt (vgl. vor allem Mt 25, 35 f.). Es gilt also, das Evangelium anzunehmen, sich von ihm buchstäblich in Anspruch nehmen und vom Herrn an die Stelle versetzen zu lassen, die Er aussucht und durch uns besetzt haben will. Das wird (ich spreche von Erwachsenen, die im Glauben schon ein wenig erfahren sind) nicht immer der Ort sein, wo es uns von Natur aus hinzieht, aber auch nicht immer der Ort, vor dem es uns graut, und wo wir partout nicht hinwollen. Mit dem agere contra aus der geistlichen Tradition muss man vorsichtig sein. Auf meiner ersten Seelsorgestelle in Herborn habe ich meinen heimlichen Horror vor der Psychiatrie hauruck überwinden wollen und meinen Christophorus-Komplex („...für den höchsten Herrn die schwersten Lasten tragen“) im Krankenhaus des LWV ausgelebt. Das ging für einmal gut, aber das kann auch richtig schiefgehen! Es tut uns und anderen gut, wenn wir mit der Zeit etwas duldsamer, achtsamer, gehorsamer werden; wenn wir es lernen, die eigenen Berechnungen und Planungen, Vorlieben und Abneigungen ein wenig zurückzustellen, damit die göttliche Vorsehung und Fürsorge eine Chance hat: „Herr, was willst Du, das ich tun soll?“ Bei Agnes Neuhaus wird das gut sichtbar. Sie sah die Fürsorgetätigkeit ihrer eigenen Veranlagung diametral entgegengesetzt. Vor allem hat die Arbeit in unabsehbaren Notlagen ihr Bedürfnis frustriert, die Dinge durch gute Planung und Vorbereitung in der Hand zu halten. Just die Erfahrung, dass sie ihr trotzdem von der Hand gingen, ja in staunenswerter Weise gelangen, hat sie zur Gewissheit gebracht, dass sie zum SkF gerufen und berufen war, und dass füglich nicht sie diese Arbeit würde tun und vollbringen müssen, sondern „unser Erlöser in mir“. Noch einmal: Wir müssen uns nicht mit dem Mut der Verzweiflung auf das stürzen, was uns am fernsten liegt; was wir uns – wie Agnes Neuhaus die Sphäre des Sexuellen – am meisten vom Leibe halten wollen. In solchen Kraftakten wird oft eine Spur von Selbstverachtung sichtbar, von der Jesus uns allmählich heilen will. Er hat uns mit unserer Natur geschaffen und uns nicht zufällig werden lassen, wie wir geworden sind. Er kennt uns durch und durch (1 Kor 13, 12), und wir müssen es uns in beschämter Freude gefallen lassen, dass Er uns mit unserer Eigenart in Dienst nehmen möchte. Gratia supponit natura et perfecit eam. Ein guter Sozialdienst am notleidenden Nächsten; die Fähigkeit, dem halbtot Liegengebliebenen liebreich aufzuhelfen, erwächst allemal der Erfahrung, selbst angenommen, bejaht und geliebt zu sein. Das ist auch die gott-menschliche Erfahrung Jesu: „Er, der mich gesandt hat, ist bei mir; Er hat mich nicht allein gelassen, weil ich immer tue, was Ihm gefällt (...). Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen“ (Joh 8, 29; 10, 17). Dann wird es aber so sein, dass die, welche der Herr bei sich haben will, die Er liebhaben will, die bei Ihm genesen sollen, von Ihm auch gesendet werden, und das bringt, selbst wenn es an sich genehme Dienste sind, Grenzerfahrungen mit sich. Das Evangelium vom Guten Samariter möchte uns dazu verlocken, das Zentrum unserer Glückserwartung aus uns selbst heraus- und in den Nächsten hineinzuverlagern. Das geht nicht ohne Ängste. Hier gilt es, des eigenen Glückes wegen, ein Wagnis einzugehen. Denn die lähmende Angst vor der Angst, das Vermeiden der mit einem Grenzgang verbundenen Risiken, die Verweigerung der Hürden, die uns in den Weg aus dem Gewohnten gestellt sind, wird unsere Suche nach dem Geliebtsein und Getragenwerden am Ende vergeblich sein lassen. Erika Nehrkorn schreibt, immer wieder, auch heute, müssten Grenzen zwischen Helfern und Hilfsbedürftigen neu eruiert und neu überschritten werden. Nicht nur Christen helfen Hilfsbedürftigen, beileibe nicht. Aber den Christen, die sich zum Helfen bewegen lassen, hilft ihrerseits die Gewissheit, dass Jesus auf beiden Seiten der Grenze ist. „Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer“ (Joh 21, 4). Der Schritt ins Dunkel, der Sprung ins Ungewisse, der Gang über das Wasser kann, wie es Agnes Neuhaus geschehen ist, eine Art von Gotteserfahrung nach sich ziehen, die uns beseligt. Wenn wir erst einmal beginnen, das Interesse Gottes an unserem Leben vorauszusetzen und dem Eindruck Seiner Sorge und Liebe in unserem Alltag nachzuspüren, dann wachsen schnell Zutrauen und Dankbarkeit in uns. Von solch lichter Wesensart ist der Gute Samariter. Er hält sich nicht damit auf, seine lieblosen und pflichtvergessenen Vor-Gänger zu kritisieren. Er ist von seiner Fürsorge ganz in Anspruch genommen. Es ist etwas dran an der Parole, man dürfe über der spontanen Hilfe für die unter die Räuber Gefallenen nicht die Strukturen der Räuberei vergessen, welche politische Vorkehrungen erforderten. Wohl wahr! Aber man muss aufpassen, dass man sich mit diesem Blick von erhöhter Warte ein reines Herz erhält und die Freude am Leben nicht verliert. Pharisäer kritisieren ist gefährlich – unversehens wird man selber einer! Der Gute Samariter kooperiert bei seiner Fürsorge wie selbstverständlich mit dem Wirt und nutzt die (kostenpflichtigen) Resourcen des Gasthauses. Auf unsere Verhältnisse übertragen sehe ich dieses „Gasthaus“ eher im Sozialamt der Stadt als im Hotel Oranien. Agnes Neuhaus schreibt, sie habe sich die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Behörden, d.h. unter Umständen staatsbürgerlicher Gehorsam gegen Entscheidungen, die einem nicht passen, zum Prinzip ihrer Tätigkeit gemacht und sei damit immer gut gefahren. Ich glaube, dass wir uns daran orientieren können. Die (von Agnes Neuhaus nicht problematisierte) Voraussetzung dafür ist freilich, dass die Gesetze des Staates sittlich annehmbar und die Verwaltung gesetzmäßig ist. Das eine wie das andere ist bei uns weitgehend, aber leider nicht durchgängig, der Fall. Die Geschichte vom Guten Samariter ist nicht vom Himmel gefallen. Sie hat einen geschichtlichen Anlass und gehört in einen bestimmten Rahmen. „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu haben?“ fragt der Gesetzeslehrer den Herrn. Weil das „ewige Leben“ zu unserem Glück mit der Taufe beginnt und nicht erst nach dem Tod, können wir die Frage auch so stellen: „Wie werde ich meines Lebens froh?“ Dass die Pflicht, tatkräftig den Nächsten zu lieben, sich als Antwort auf diese Frage ergibt, sollten wir nicht vergessen. „Dann geh und tue desgleichen. Tu das, und du wirst leben!“ Amen
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Wiesbaden
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