100 Jahre
Johannesstift Wiesbaden
Sozialdienst katholischer Frauen

Buch Anfang

Seite zurück

Inhalt

Seite vor

Buch Ende



Die Fürsorgerin Gertrud Mainka erzählt - ein Bericht aus dreißig Jahren praktischer Arbeit

Gertrud Mainka war von Oktober 1956 bis Januar 1988 als Fürsorgerin beim Katho­lischen Fürsor­geverein für Mädchen, Frauen und Kinder, dem heutigen SkF, in Wiesbaden tätig.


Frau Mainka mit Kollegin
(Bildnachweis: Gertrud Mainka)




Sie wurde im Januar 1928 in Ossig in Nieder­schlesien, nicht weit von Breslau entfernt, gebo­ren. Ihr Vater war Arzt. Bei Kriegsende musste die Familie flüchten und kam 1946 nach Wiesbaden. Die 18-jährige Gertrud wurde im St. Josefs-Hospi­tal als Säuglingsschwesternhelferin eingestellt, wo sie bis 1949 blieb. Von 1949 bis 1951 besuchte sie die Seelsorghelferinnenschule in Ilbenstadt (bei Fried­berg) und arbeitete anschließend ein Jahr lang in Lauterbach in Oberhessen als Pfarr­helferin. Danach absolvierte sie die Fürsorgerin­nenausbildung in der Fach­schule (der heutigen Fachhochschule) des Caritasverbandes in Frei­burg.

Nach bestandenem Examen arbeitete Gertrud Mainka zunächst im Mädchen heim des Caritas­werks St. Gottfried in Ilbenstadt. Da ihre Familie in Wiesbaden-Schier­stein lebte, wo der Vater nach dem Krieg eine neue Praxis aufgebaut hatte, sah sie sich dann jedoch nach einer Stelle in Wiesba­den um. Dr. Ilse Hoffmann von der Zentrale des Katholischen Fürsorgevereins in Dortmund kam des öfteren dienstlich in das Mädchenheim nach Ilbenstadt und lernte dabei auch die junge enga­gierte Fürsorgerin kennen. Als 1956 in Wiesbaden eine Stelle zu besetzen war, empfahl Frl. Hoff­mann ihr, sich dort zu bewerben. So wechselte Gertrud Mainka zum Fürsorgeverein in Wiesba­den, wo sie dann über 30 Jahre lang haupt­beruf­lich tätig war. Nach ihrer Pensionierung arbeitete sie noch einige Jahre ehren­amtlich im Vorstand mit, so dass sie die Entwicklung des Wiesbade­ner Vereins über vier Jahrzehnte miterlebt hat. In einem Interview vom 6. März 2006 berichtete sie über ihre Arbeit:

G. M.: Als ich hinkam, waren noch zwei Kolleginnen da, die Alma Frieß und die Lisabeth Jahnel. Damals wurde beim Fürsorgeverein die dritte Stelle erst aufge­baut, und das war ich. Ich hab' nicht angefangen im Johannesstift, sondern unser Büro war damals noch auf der Friedrich­straße, beim Caritashaus, wo jetzt das Roncalli-Haus steht. Also, das heißt, im Altbau daneben.

Frage: Und Sie wurden eingestellt für die Fürsorgearbeit in der Stadt, also für Mädchen oder Frauen, die nicht im Johannesstift unterge­bracht waren, sondern die in ihren Wohnungen wohnten?

G. M.: Ja. Also damals, nach dem Krieg - da waren ja so viele Halbwaisen da. Und die stan­den ja damals alle unter Vormundschaft, fast alle! Wenn die Väter gefallen waren oder irgend so was, da entschied das Amtsgericht über die Vor­mundschaft, das waren sehr viele. Deswegen ist wahrscheinlich auch die dritte Stelle geschaf­fen worden.

Frage: Damals durften die Mütter nicht al­leine über ihre Kinder entscheiden...

G. M.: Nein. Und damals hat das Vormund­schaftsgericht die Entscheidung getrof­fen, weil es so viele Fälle waren, dass im Fall von männlichen Jugendlichen oder Kindern der Caritasverband die Vormundschaft übernahm und bei den weib­lichen der Fürsorgeverein. Und das waren sehr, sehr viele... wir hatten damals fast 300 - zwi­schen 200 und 300 Mündeln!

Frage: Das heißt, das Amtsgericht hat Ihnen, also dem Fürsorgeverein, für diese Mädchen die Vormundschaft offiziell übertragen? Bis zum 21. Lebensjahr?

G. M.: Ja, das ging übers Gericht. Damals war's noch bis zum 21. Lebensjahr. Und es waren auch andere dabei. Es kamen auch andere Mün­del, nicht bloß Halbwaisen. Es waren auch Nicht­eheliche ..., oder auch solche, wo man den Eltern das Erziehungsrecht entzogen hatte...

Frage: Das heißt, ein Großteil dieser Kinder und Jugendlichen war einfach nur deswegen in Ihrer Obhut, weil ein Elternteil fehlte? Es war also nicht so, dass es wie in den Anfängen der Grün­dung des Johannesstifts lauter „gefallene Mäd­chen" waren? Das waren Einzelfälle?

G. M.: Ja, das waren Einzelfälle, die kamen noch dazu.

Frage: Denn die gab's ja in der Nachkriegs­zeit natürlich auch...

G. M.: Ja, sicher, sicher. Die kriegten wir dann auch...

Frage: Und da hatten Sie also insgesamt über 200 Mündel, sagten Sie?

G. M.: Ja, wir gemeinsam. Also ich hatte da­mals an die 100, ja. Das konnte man natürlich machen, weil eben viele Halbwaisen darunter waren. Da musste man eventuell nur bei einem Rentenantrag oder bei ähnlichen Dingen helfen, evt. auch bei der Suche nach einem Arbeitsplatz. Aber da war das nicht so viel Arbeit mit jedem Ein­zelnen, weil es eben normale Sachen waren und man meistens gut miteinander auskam. Sonst

hätte ich das mit 100 Mündeln nicht geschafft!

Frage: Ja, das ist klar! Sind Sie denn auch in die Familien gegangen und haben überprüft, ob z.B. mit der Schule alles gut klappt usw.?

G. M.: Ich bin auch in die Familien gegangen und habe regelmäßig überprüft, was so anfiel. Wir hatten, weil wir ja zu dritt waren, drei Bezirke, und weil ich schon ziemlich früh motorisiert war, hab' ich ziemlich viele Außenbezirke gekriegt, das ging ja immerhin bis Kastel und Kostheim!

Frage: Sie hatten also kein Büro, in das Sie die Klienten auch mal hinbestellt haben? Dafür war gar kein Platz?

G. M.: Nein. Damals hatte der Fürsorgeverein ein einziges Zimmer in der Frie­drichstraße, das war nicht ganz so groß wie dieses hier. Und da saßen wir zu dritt drin. Wir hatten einen Schreib­tisch, so einen alten Schreibtisch, den hatte die Frau Simon, die damals die Vorsitzende war, von ihrem Mann ausrangiert. Da hat an jeder Seite eine von den beiden anderen Fürsorgerinnen ge­sessen, und ich bekam einen alten einbeinigen Gartentisch an die Schmalseite gestellt, da habe ich dran gesessen. Ringsherum hatten wir die Akten gestapelt. Der einzige Vorteil, den wir hat­ten: neben unserem Raum war das Nähzimmer des katholischen Frauenbundes, der war auch beim Caritasverband eingemietet. Und die Frauen kamen nureinmal in derWoche dorthin. Wenn sie nicht da waren und wir Besuch von Klienten usw. bekamen, dann durften wir in dieses Nähzimmer ausweichen, damit wir die Gespräche nicht vor allen drei Mitarbeiterinnen führen mussten.

Frage: Aber die Arbeit des Caritasverbands und des Fürsorgevereins, die war getrennt? Denn es gab ja offensichtlich nach dem Krieg auch mal Versuche, das Personal gemeinsam zu beschäf­tigen.

G. M.: Die Arbeit war ganz getrennt. Aber wir haben uns mit den Fürsorgerinnen vom Caritas­verband gut verstanden. Sie saßen zwei Zimmer weiter, auf demselben Gang.

Frage: Hatten Sie damals schon eine Sekre­tärin?

G. M.: Nein, die Sekretärin kam dann Ende der 1960er Jahre. Vorher mussten wir alles sel­ber machen. Dann kam die erste Sekretärin, eine Schreibkraft.

Frage: Haben Sie denn außer der Betreuung der Halbwaisen usw. noch andere Aufgaben ge­habt? Haben Sie zum Beispiel auch Gefängnisbe­suche gemacht?

G. M.: Ja, das haben wir. Also ich nicht, aber die Kollegin. Das hat damals die Frau Jahnel ge­macht.

Frage: Und die Mündel, die Sie zugewiesen bekamen, waren das nur solche, die der katho­lischen Kirche angehörten, oder spielte das keine Rolle?

G. M.: Der größte Teil war katholisch, doch, das spielte noch eine Rolle.

Frage: Aber nicht ausschließlich?

G. M.: Nein, nicht ausschließlich.

Frage: Wovon hing das ab?

G. M.: Vom Gericht. Also das hat das Gericht entschieden.

Frage: Und wie war das bei den Gefäng­nisbesuchen? Haben Sie da auch nur die katho­lischen Insassen besucht?

G. M.: Ich glaube, die Frau Jahnel hat alle be­sucht, alle Frauen, die das Bedürfnis hatten. Sie ist einmal die Woche hingegangen, aber eben nur zu denen, die das wollten. Dann hatten wir noch die Mädchen vom Gesundheitsamt - also nicht alle Schwangeren, aber die eventuell Ge­schlechtskranken. Die Geschlechtskranken­abtei­lung, die es damals noch hier in Wiesbaden gab, die haben wir auch besucht. Da hat uns das Ge­sundheitsamt dazugerufen, wenn es Minderjäh­rige waren, damit sie eventuell zu uns in die Be­treuung kamen.

Frage: Wie konnte es in solch einem Fall dann weitergehen? Also mussten die jungen Frauen da einverstanden sein, dass Sie weiter Kontakt mit ihnen hielten, eventuell sogar einmal zu ihnen nach Hause gingen ...?

G. M.: Das kam darauf an. Wenn sie noch jugendlich waren, dann wurden sie ja dem Ju­gendamt gemeldet. Und dann haben wir mit dem Jugendamt abgeklärt, ob wir die Betreuung übernehmen, oder ob das Jugendamt das macht. Wir hatten einen sehr guten Kontakt mit den Sozi­alarbeitern, mit der Fürsorgerin vom Jugend­amt.

Frage: Und worin konnte da Ihre Aufgabe bestehen?

G. M.: Na ja, zum Beispiel, dass wir mit ihnen Gespräche führten, dann vor allen Din­gen - sie waren ja verpflichtet, sich jede Woche oder alle 14 Tage zu melden - und falls sie sich nicht daran gehalten haben, dann wurden wir be­nachrichtigt und mussten der Sache nachgehen... Dann haben wir einen Hausbesuch gemacht, falls wir sie angetroffen haben, und haben ihnen dann eben ins Gewissen geredet...

Frage: Und war das erfolgreich manchmal?

G. M.: Ja, vielleichtwardasbei dereinen oder anderen erfolgreich. Aber es gab auch Schwie­rigkeiten, also sehr viele Rückschläge. Also man hatte an und für sich keine Handhabe... Ja, bei denen, die nicht volljährig waren, da schon. Da konnte man evt. eine Vormundschaft oder das Aufenthaltsbestimmungsrecht beantragen oder eine Pflegschaft einrichten. Da mussten wir den Antrag beim Amtsgericht stellen.

Frage: Was heißt das konkret?

G. M.: Die Pflegschaft war damals so, dass man das Aufenthaltsbestimmungsrecht bekam und dadurch ein bisschen Druck machen konnte ...

Frage: Bedeutete das, dass Sie dieses Mäd­chen zum Beispiel auch in einem Heim unter­bringen konnten? Und konnten Sie in solchen Fällen dann das Johan­nes­stift als Aufenthalt vor­schlagen?

G. M.: Ja, wenn Platz war, ja, natürlich. Aber es gab damals auch noch das Goretti-Heim, es gab verschiedene Häuser.

Frage: Oder hat man die Mädchen lieber nach außerhalb geschickt, damit sie aus dem Mi­lieu rauskamen ...?

G. M.: Das kam darauf an, das war eigentlich ganz unterschiedlich. Wir haben z.B. auch welche

in das JugendwerkSt. Gottfried (in Friedberg) hin­gegeben, dann haben wir auch welche ins Moni­kaheim nach Frankfurt geschickt, also, das kam eben immer darauf an. Manchmal ist es ja gut, wenn sie aus der Umgebung rausgenommen werden. - Ja, das waren so unsere Aufgaben!

Frage: Und haben Sie z.B. auch dabei ge­holfen, wenn die Jugendlichen keine Ausbildung hatten, einen Ausbildungsplatz zu finden?

G. M.: Ja, natürlich. Das haben wir dann mit ihnen besprochen und dann versucht, irgendet­was zu finden. Wir hatten natürlich auch Kontakt zum Arbeitsamt, und dann auch zur Lehrstelle. Wir haben auch die Lehrstelle besucht und da immer den Kontakt gehalten, damit es irgendwie klappte. Also, da hatten wir bei den Vor­mund­schaften teilweise guten Erfolg. Das war natürlich einfacher. Da haben ja meistens auch die Mütter dahinter gestanden.

Frage: Und wie ist damals eigentlich die Ar­beit so abgelaufen: es gab ja noch sehr wenige Telefone. Also, Sie hatten in Ihrem Büro sicher schon ein Telefon, aber die Familien, die hatten ja bestimmt keine Telefone. Haben Sie da jedes Mal eine Post­karte geschrieben, bevor Sie hinge­gangen sind?

G. M.: Also, das kam ganz darauf an. Das war noch nicht ganz so wie jetzt, dass man sich vorher immer angemeldet hat. Wir sind teilweise unangemeldet hinge­fahren, und man wusste genau, wo man hinkommen konnte und wo es sogar besser war, man meldete sich nicht an. Wir haben z.B. auch die Renten ausge­zahlt, die Renten von den Halbwaisen. Die kamen zum Teil an uns, und die mussten wir dann weiterge­ben. Also, die Familien kamen dann meistens zu uns und haben sie abgeholt. Das gehörte zu un­seren Aufgaben, damit wir überprüfen konnten, ob die Kinder wirklich anwesend waren. Also, bei manchen haben wir die Rente auch überwiesen, wenn man sich auf die Mütter verlassen konnte. Aber es war eben doch die Angst, dass das Geld richtig angelegt wurde. Da haben wir dann schon aufgepasst!

Frage: Das war schon eine sehr verantwor­tungsvolle Aufgabe!

G. M.: Ja, das war es ... und sehr vielseitig!

Frage: Und sicher nicht immer einfach, es waren auch nicht alle Mütter einsichtig...

G. M.: Nein, das war nicht ganz einfach. Wenn die Mütter wirklich einsichtig waren und man absehen konnte, dass alles ordnungsge­mäß läuft, dann konnte man ja auch den Antrag stellen, dass die Mütter die Vormundschaft selbst übernehmen. Das mussten wir befürworten und beantragen.

Frage: Das heißt, die leichtesten Fälle wur­den Ihnen dann sozusagen genommen, und die schwierigeren, die blieben?

G. M.: So in etwa, ja. Die schwierigeren blie­ben uns natürlich, das ist ja klar.

Frage: Und angenommen, eines von Ihren Mündeln wurde schwanger. Haben Sie sie dann ins Johannesstift geschickt?

G. M.: Das kam darauf an. Wenn das Mäd­chen zu Hause gut verpflegt wurde, wenn die

Mutter damit einverstanden war, dann haben wir es in seinem Umfeld gelassen.

Frage: Also, im Johannesstift waren überwie­gend solche Mädchen untergebracht, die nicht zu Hause bleiben konnten? Wenn die Mütter sie z.B. rausgeworfen haben?

G. M.: Ja, ja, oder wenn sie irgendwelche Schwierigkeiten hatten, wenn die Mütter nichts davon wissen wollten... Wenn es notwendig war, haben wir sie auch im Johannesstift unterge­bracht.

Frage: War dort zu der Zeit auch noch die Entbindungsstation?

G. M.: Ja, da war die Entbindungsstation. Die lief ja unabhängig vom Johannesstift. Die Entbindungsstation - das waren Belegärzte. Na­türlich haben die Ärzte Ver­bin­dung mit dem Jo­hannesstift gehabt, aber an und für sich war die Entbindungs­station unabhängig. Die haben zwar dann das Säuglingszimmer gehabt und auch die Pflegerinnen, die waren natürlich auch beim Jo­hannesstift, weil eben im Johan­nes­stift auch viele Säuglinge waren, da hatte man die mit dabei. Aber offiziell war die Entbindungsstation eine Be­legstation von Ärzten aus Wiesbaden.

Frage: Das heißt, es haben also auch nicht nur Mütter dort entbunden, die dann mit ihrem Kind dort im Heim gewohnt haben.

G. M.: Nein, nein. Es haben viele, viele Frauen aus Wiesbaden dort entbunden. Das Johannes­stift war bei den Ärzten anerkannt, und wenn eine Frau gerne zu den Schwestern gegangen ist, dann konnte sie dort entbinden.

Frage: Und auf der Entbindungsstation haben auch die Hiltruper Schwestern den Dienst gemacht?

G. M.: Ja. das haben sie auch gemacht. In­sofern war schon eine Verbindung zwischen der Belegabteilung und dem Stift da, das war nicht getrennt. Aber offiziell hatten die Ärzte mit dem Johannesstift nichts zu tun. Aber da sie bekannt waren im Johannesstift, hatten sie vielleicht auch dort die eine oder andere Patientin.

Frage: Also, es gab auch Entbindungen, wo die junge Mutter dann mit ihrem Säugling im Jo­hannesstift wohnen blieb?

G. M.: Natürlich, die gab's auch, oder dass die Mutter schon vorher im Johannes­stift ge­wohnt hat.

Frage: Aber das waren dann nicht Ihre Schützlinge, wenn die Mädchen im Johannes­stift wohnten?

G. M.: Es gab auch Vormundschaften, die wir im Johannesstift untergebracht hatten, die unsere Mündel waren. Die blieben das auch, na­türlich.

Frage: Aber Ihre Tätigkeit, die spielte sich nicht im Stift ab?

G. M.: Nein, offiziell nicht. Natürlich, wenn je­mand von unseren Mündeln drin war, dann küm­merten wir uns auch dort um sie. Aber ansonsten war die Arbeit getrennt.

Frage: Und Sie hatten Ihr Büro damals noch in der Friedrichstraße?

G. M.: Ja, also es wurde ja dann das Ron-calli-Haus gebaut, nebenan. Da wurde das Heilig-Geist-Kranken haus abgerissen, das war ja erst ein Krankenhaus. Und während der Bauzeit hatten wir unser Büro in der Langgasse 20. Das war ein Privathaus. Das wurde gemietet, weil in der Fried­richstraße Baustelle war. In der Langgasse hatten wir allerdings drei Zimmer, ein ganzes Stockwerk. Unterdessen waren die Frau Jahnel und die Alma Frieß ausgeschieden, da hatte ich dann zwei neue Kolleginnen.

Frage: Wie hießen die?

G. M.: Wir waren dann: „Mainka, Mallmann, Marke". Alle mit „Ma"!

Frage: Waren die beiden jünger als Sie, oder Ihre Generation?

G. M.: Die Frau Mallmann war jünger, die Frau Marke war ein Jahr älter als ich. Sie hatte aber später Examen gemacht.

Frage: Und haben Sie sich gut verstanden?

G. M.: Ach ja, an und für sich. Also wir haben eigentlich kaum Schwierigkeiten gehabt.

Frage: Irgendwo habe ich gelesen in den Unterlagen, dass die Betreuungsbezirke nach Pfarreien aufgeteilt waren. War das zu Ihrer Zeit auch so?

G. M.: Ja, das war nach Pfarreien aufgeteilt. Da war das ganze Gebiet einschließ­lich aller Vor­orte, einschließlich Kostheim und Kastel, in drei Bezirke eingeteilt. Irgendwie musste man ja eine Abgrenzung schaffen. Ich hatte die Pfarrei Bonifa-tius, dann hatte ich Kastel, Kostheim, Schierstein, Dotzheim, Kohlheck ...

Frage: ... eine ganze Menge, und weit aus­einander liegend!

G. M.: Ja, also - weil ich motorisiert war...

Frage: Was hatten Sie - einen Käfer?

G. M.: Ja, ich hatte einen Käfer. Das Auto ge­hörte mir mit meinem Vater zusammen, also, ich hätte mir das alleine nicht leisten können. Das war eine sehr große Hilfe!

Frage: Wieviele Arbeitsstunden hatten Sie damals so ungefähr in der Woche?

G. M.: 42.

Frage: Haben Sie auch noch am Samstag gearbeitet?

G. M.: Ja, aber nur vormittags. Damals haben wir am Samstag noch Dienst gehabt. Da haben wir uns dann gefreut, als wir etwas später sams­tags nicht mehr zu arbeiten brauchten.

Frage: Haben Sie damals noch bei Ihren El­tern gewohnt?

G. M.: Ja. Ich hab die ganze Zeit bei meinen Eltern gewohnt. Ich hab dann zum Schluss meine Tante und meine Mutter gepflegt, vormittags hatte ich dann eine Halbtagshilfe in der Wohnung. Der Vater ist schon 1972 gestorben. Dann habe ich die Tante gepflegt bis 1985 und die Mutter bis 1989.

Frage: Ihr Vater hatte ja Telefon als Arzt. Kam es da auch schon mal vor, dass jemand von Ihren Mündeln oder eine Mutter auch zu Hause ange­rufen hat, am Wochenende?

G. M.: Es ist an und für sich selten vorge­kommen. Ich hatte einen Fall, das war in den siebziger Jahren. Da hatte ich mal ein Mün­del, das sehr, sehr schwierig war. Und das hat mich also verfolgt! Also - der stand z. B. mal zu Hause vor der Tür und so, aber das war mehr böswillig!

Frage: Ach, Sie hatten auch männliche Mün­del?

G. M.: Ja, männliche hatten wir insofern, wenn Geschwister da waren. Wenn das Mäd­chen die Älteste war, dann haben wir auch alle Geschwister bekommen.

Frage: Ach so. Und dieser junge Mann hat Sie bedroht?

G. M.: Nun, der war schwierig. Der Vater war frühzeitig verstorben, und er hatte noch drei Schwestern. Er war der dritte. Und dann ist die Mutter auch noch ver­storben. Da hat er dann mit seinen Schwestern zusammen gewohnt, die Schwestern waren sehr ordentlich, die haben alle etwas gelernt, die eine hat sogar Abitur gemacht. Aber dieser Junge - der steigerte sich oft in etwas hinein, und dann, vor allem, war er ein Waffen­narr! Er hat dann eine Bäckerlehre gemacht, und dieser Bäcker ist ermordet worden. Und von die­ser Zeit an war er voll­kommen fertig. Im Nachhin­ein habe ich immer gesagt, man hätte der Sache auf den Grund gehen müssen. Vielleicht hatte er irgendetwas von dem Mord mitgekriegt und war deshalb so verstört. Es wurde dann immer schlimmer mit ihm. Er hat sich mir nicht anver­traut, er hat sich keinem anvertraut, aber hat mir das wahrscheinlich irgendwie übel genommen, ich weiß es nicht. Jedenfalls ist er eines Samstags ins Büro gekommen - zuletzt hat am Samstag immer bloß eine von uns alleine Dienst gemacht -, er hatte eine Pistole und wollte von mir Geld haben, damit er sich beim Schrotthändler Eisen kaufen konnte. Er hat sich näm­lich die Kugeln selber gegossen. Das konnte ich doch nicht ma­chen!

Frage: Das war aber eine sehr gefährliche Situation!

G. M.: Das war im Grunde genommen eine ganz gefährliche Situation, aber ich hatte Glück, denn auf demselben Gang wohnte der Haus­meister. Und der ging gerade vorbei, als der junge Mann kam. Und unsere damalige Vorsitzende, die Frau Martinius, die kam auch immer mal sams­tags vorbei. Sie kam zufällig in diesem Moment, und da ist er fortgelaufen.

Frage: Aber dass einmal Eltern kamen und Sie beschimpft haben oder so etwas, das haben Sie nicht erlebt?

G. M.: Nein, eigentlich nicht. Wissen Sie, manche Eltern haben immer gepoltert, vor allen Dingen die Freunde der Mütter haben sich aufgespielt: „Was wollen denn Sie überhaupt?" usw., aber das musste man einfach ignorieren.

Frage: Da brauchte man als Fürsorgerin ein dickes Fell...

G. M.: Ja, da haben Sie recht! Das musste man haben. Man musste dann immer versuchen, einen Weg zu finden und ruhig zu bleiben, das war die Hauptsache.

Frage: Haben Sie auch mit den Pfarrern aus den Pfarreien zusammengearbeitet?

G. M.: Ja, sicher! Da haben wir zum Teil sehr gut zusammengearbeitet. Erstens mal haben wir oft, also mit der Einwilligung der Eltern bzw. der Mutter, mit den Pfarreien gesprochen, wie man in Einzelfällen helfen konnte, z.B. bei der Erst­kommunion oder so etwas. Wir haben auch dafür gesorgt, dass Jugendliche in die Freizeit mitge­schickt wurden. Oder wir haben gesagt: hier in der Pfarrei sind die- und diejenigen, die haben es wirklich notwendig, die müssen mal ein bisschen von der Pfarrei unterstützt werden. Das war auch unsere Aufgabe! Denn die Pfarrer hatten oft keine Ahnung, da die armen Kinder oft nicht in die Kir­che gekommen sind, oder wenn sie gekommen sind, dann haben sie sich geschämt und nichts gesagt.

Frage: Sind Sie auch in die Schulen gegan­gen zu den Lehrern zu Gesprächen, wenn es nötig war?

G. M.: Wenn es nötig war, ja. Auch zu den Lehrlingen, zu den Lehrherren.

Frage: Die waren wahrscheinlich ganz froh, dass Sie sich gekümmert haben?

G. M.: Ja, zum Teil, vor allem dann, wenn die Lehrlinge ihre Berichtshefte nicht geschrie­ben haben und wir da ein bisschen nachgehakt haben!

Frage: Haben Ihre Mündel manchmal auch die Schule geschwänzt?

G. M.: Ja, oh ja... Manchmal wussten die El­tern bzw. die Angehörigen, welchen Lehrer die Jugendlichen hatten, da konnte man dann ein­haken. Oder mit dem Rektor sprechen, mit ver­schiedenen Rektoren aus den Schulen haben wir gut zusammengearbeitet.

Frage: Kam es auch vor, dass Mündel, wenn sie dann volljährig waren, weiterhin mit Ihnen Verbindung gehalten haben?

G. M.: Das kam schon vor. Also, nicht allzu oft, aber immer wieder. Ich habe gerade am letzten Wochenende eines meiner ehemaligen Mündel auf dem Fried­hof getroffen. Der kam er­freut auf mich zu: „Ach, dass man Sie wieder mal sieht!". Und hier hinten an der Wand habe ich einen Kartoffeldruck hängen, ein Bild vom Bieb-richer Rheinufer, das hat mir eine Glasmalerin geschenkt, ein ehemaliges Mündel, deren Eltern verunglückt waren. Der habe ich beigebracht, wie man mit Geld umgeht. Und als sie die Ausbil­dung fertig hatte, da hat sie mir dann ein Bild ge­schenkt. Damals wurde sie gerade volljährig. Da kam sie mit dem Bild an und hat sich bedankt. Also das gab's auch!

Frage: Hat Sie auch mal jemand zur Hoch­zeit eingeladen?

G. M.: Ja, bei zweien war ich zur Hochzeit, und zur Taufe waren wir mehrmals. Also, das kam schon vor.

Frage: Sie waren ja doch manchmal der Fa­milienersatz, oder?

G. M.: Das stimmt schon! Also, im Grunde genommen hatte man kaum große Schwierig­keiten. Aber wenn man in diesen Beruf geht, weiß man, dass es auch Schwierigkeiten geben kann.

Frage: Hatten Sie denn auch Ganz-Waisen?

G. M.: Ja, hatten wir auch.

Frage: Die kamen also nicht alle ins Waisen­haus? Wohnten die bei Tante oder Onkel?

G. M.: Ja, oder bei Geschwistern, je nach­dem, oder im Mädchenwohnheim, Lehr­lingsheim usw., eine in Frankfurt, eine im Goretti-Heim, es gab früher hier in Wies­baden-Biebrich das Goretti-Heim, das Lehrlingsheim.

Frage: In der Nachkriegszeit gab es ja doch viele, die keine anderen Verwandten in der Nähe hatten, da hatte sich ja doch viel aufgelöst an Fa­milienverbänden, durch die Flucht...

G. M.: Ja, genau! Also, das war der eine Teil meiner Arbeit. Und dann ab 1978 habe ich ja die Konfliktberatung gemacht.

Frage: Ah ja. Aber lassen Sie uns noch ein bisschen in der Zeit vorher bleiben. Wann sind Sie denn aus der Langgasse wieder weggezogen?

G. M.: Aus der Langgasse sind wir dann un­gefähr 1970 wieder ausgezogen, als das Roncalli-Haus fertig war. Da sind wir eigentlich wieder in dieselben Räume gezogen, die wir vorher hatten, im Altbau, also wo früher der Caritas-Verband drin war. Das ist direkt neben dem Roncalli-Haus. Auf unsere Anregung hin wurde zwischen dem neuen Roncalli-Haus und dem Altbau im ersten Stock ein Verbin­dungsgang gebaut, damit wir we­nigstens noch Kontakt mit den Caritas-Büros hat­ten. Der Caritas-Verband saß im ersten Stock des Neubaus. Und wir saßen auch im ersten Stock, aber im Altbau. Da hatten wir dann fünf Zimmer, das waren bessere Arbeitsbedingungen.

Frage: Nachdem Frau Mallmann und Frau Marke weggingen, wer kam dann?

G. M.: Die eine hieß Lore Hutmacher. Da waren wir erst mal nur zu zweit. Ich war eine Zeit lang auch mal ganz alleine.

Frage: Die Arbeit blieb also bis 1978 prak­tisch die gleiche?

G. M.: Nein, es hat sich natürlich etwas ge­ändert. Die Vormundschaften sind weniger ge­worden, denn gerade die vielen Halbwaisen (aus der Kriegszeit) sind ja dann mit der Zeit volljährig geworden, und da bekamen wir dann vom Amts­gericht teilweise auch andere Fälle zugewiesen, wo es z.B. um das Aufenthaltsbe­stim­mungsrecht ging. Wir kriegten dann auch schwierigere Vor­mundschaften, Pfleg­schaften usw. Es war nicht mehr so, dass wir nur Mädchen zugewiesen be­kamen, sondern dann kriegten wir alles.

Frage: Auch Jungen?

G. M.: Auch Jungen, ganze Familien.

Frage: Und haben Sie denn, wie das in der allerersten Zeit des Fürsorgevereins einmal war, auch Mädchen auf der Straße aufgesucht, wenn Sie z.B. wussten, sie halten sich an bestimmten Stellen in der Stadt auf? Also eine Arbeit, die Street­worker vielleicht heute machen?


SkF-Vorstand und Beratungsteam im SkF-Büro, Anfang der 80er Jahre
(Bildnachweis: SkF Wiesbaden)




G. M.: Nein, das haben wir nicht gemacht. Dafür hätten wir gar keine Zeit gehabt, wir hatten so viel zu tun!

Frage: Sie sagten vorhin, dass Sie ab 1978 dann noch eine andere Arbeit, die Beratungstä­tigkeit übernommen haben, war das die Schwan­gerschaftskonfliktberatung?

G. M.: Das fing 1978 an. Da hat der Cari­tas-Verband in Freiburg die Schulung über­nom­men, damit wir eine Grundlage hatten. Ich nahm am ersten Kurs teil, der abge­halten wurde. Und zwar hatten wir immer acht Tage Fortbildung und ein Viertel­jahr praktische Arbeit, zwei Jahre dau­erte das, mit Supervision und mit allem. Danach haben wir eine Prüfung gemacht und Zertifikate gekriegt. Das nannte sich „Zusatzausbildung in der Schwangerschaftskonfliktberatung".

Frage: Haben Sie dann beide Tätigkeiten parallel gemacht, hatten Sie noch Mündel?

G. M.: Ich hatte noch zwei oder drei Mündel, und die Frau Hutmacher hat dann alle anderen gehabt, da hatten wir nicht mehr so viele.

Frage: Waren Sie damals noch in der Fried­richstraße?

G. M.: Da sind wir damals gerade ins Jo­hannesstift gekommen. Die Beratungs­stelle kam in die Räume, wo ganz früher die Wohnung des Kaplans und dann Gästezimmer waren.

Frage: Und wer leitete zu der Zeit, als die Beratungsstelle in der Platter Straße eingerichtet wurde, das Heim? Waren das damals noch die Hiltruper Schwestern?

G. M.: Das war damals gerade im Umbruch. Die Schwestern sind gerade wegge­gangen, als wir hingezogen sind.

Frage: Und als Sie anfingen mit der Konflikt­beratung, gab es da schon die Beratungs­scheine?

G. M.: Ja, die gab es von Anfang an. Aber ich muss Ihnen ganz offen und ehrlich sagen: Ich habe, glaube ich, nur zwei oder drei Scheine aus­gestellt die ganze Zeit über.

Frage: Sonst haben die Frauen ihr Kind be­kommen?

G. M.: Ja, entweder haben sie es gekriegt, oder sie sind nicht zu uns gekommen. Hier in Wiesbaden, da muss man ja berücksichtigen, da

gab es Pro familia, die Diakonie - es waren ja drei Stellen, die die Beratung gemacht haben. Und dass eine, die das Kind nicht haben wollte, ausgerechnet zu den Katholischen geht, das ist meines Erachtens sehr unwahrscheinlich ge­wesen. Deswegen kam es bei uns sehr selten vor, dass wir einen Schein aus­gestellt haben. Wir haben im Grunde genommen immer ein gutes Verhältnis auch mit Pro familia gehabt. Mit den Beraterinnen von Pro familia haben wir sehr gut zusammengearbeitet. Und die haben uns auch öfter Frauen geschickt, wenn sie gemerkt haben, die wollen das Kind ja behalten, aber sie wissen nicht, wie. Dann haben sie sie zu uns geschickt, weil sie wussten, dass wir sie von Anfang bis Ende begleiten und unterstützen. Wir hatten ja doch den Bischofsfonds, bei dem wir einen An­trag stellen konnten, und dann bekamen wir ja auch Geld vom Staat.

Frage: Haben Sie auch für Wohnungen ge­sorgt oder mitgeholfen?

G. M.: Ja, da haben wir mitgeholfen, wenn es irgendwie ging. Und auch so ein bisschen Bei­stand geleistet natürlich...

Frage: Aber das waren nicht nur Minderjäh­rige?

G. M.: Nein, nein, das waren fast nur Ältere, keine Minderjährigen.

Frage: Und Sie saßen dann mit der Frau Hutmacher zusammen in dem Büro in der Plat­ter Straße? Aber nur Sie haben die Beratung ge­macht, und die Frau Hutmacher hat die andere Arbeit erledigt?

G. M.: Ja, ich habe die Beratung gemacht, und sie hat die Fürsorgearbeit gemacht. Und sie hatte auch noch die Adoptionsvermittlung. Aber das war auch sehr, sehr wenig. Ich habe von meinen Beratenen zwei Kinder vermittelt, also die haben wir gemeinsam vermittelt. Die haben wir dann weiter betreut, und sie haben das Kind sofort freigegeben nach der Geburt. Das waren nicht sehr viele. Wir haben sehr viele suchende Familien gehabt, wie überall, die ein Kind adop­tieren wollten, aber wir haben keine Kinder ge­habt! Deshalb hat der Fürsorgeverein die Adopti­onsvermittlung dann ganz aufgegeben.

Frage: Haben Sie denn dann wieder eine dritte Kollegin gekriegt? Oder blieben Sie mit der Frau Hutmacher alleine?

G. M.: Ich bin lange Zeit mit der Frau Hut­macher alleine gewesen, aber dann haben wir noch eine dritte bekommen ... aber der Name! Namen kann ich mir sowieso nicht merken ... - Kirschner hieß eine, die war noch ganz kurze Zeit mit im Roncalli-Haus und ist dann mit in die Platter Straße umgezogen. Sie hat dann geheira­tet und ist weggegangen. Und eine Frau Wilhelm, die ist gar nicht lange dagewesen. Die Frau Hut­macher blieb bis 1989, bis sie pensioniert wor­den ist.

Frage: Da waren Sie schon in Ruhestand?

G. M.: Ich bin 1988 gegangen. Nach mir kam die Frau Bernat, die ist ja jetzt noch da. Die habe ich noch eingearbeitet. Und dann kamen die Frau Bürger und alle, die jetzt noch da sind.

Frage: Was haben die ehrenamtlichen Mitar­beiterinnen eigentlich gemacht? Haben die auch in der Beratungsstelle gearbeitet?

G. M.: Ja, die haben ehrenamtlich gearbeitet, die haben uns zum Beispiel bei den Vormund­schaften und den Pflegschaften unterstützt. Die haben wir gebeten, diese oder jene von den ein­facheren zu übernehmen.

Frage: Die haben auch Hausbesuche ge­macht?

G. M.: Ja, die haben auch Hausbesuche ge­macht. Und sie haben uns dann immer berichtet. Sie haben die Arbeit recht gut gemacht. Wir haben sie auch alle vier Wochen geschult, wir mussten ihnen ja einiges beibringen. Und sie haben uns immer berichten müssen.

Frage: Sie hatten ja schließlich die Verant­wortung.

G. M.: Ja, sicher, und wir mussten alles wei­ter ans Gericht geben. Das Gericht wusste immer, welches Mündel vom wem betreut wurde, das haben wir dem Gericht mitgeteilt.

Frage: Haben die auch Gefängnisbesuche gemacht?

G. M.: Nein, die Gefängnisbesuche sind ja, weil's hier kein Gefängnis mehr gab, eingeschla­fen. Und das Jugendgefängnis haben wir nicht mehr besucht.

Frage: Dann haben Sie sich beschränkt auf die Mündelfürsorge und die Schwan­gerenbera­tung...

G. M.: Ja, das war die Hauptsache.

Frage: Und die Fürsorgearbeit, hat die sich im Lauf der Zeit durch die Gesetz­gebung für Sie grundlegend geändert?

G. M.: Na ja, es ist ja zum Beispiel so, dass es jetzt nicht mehr automatisch Vor­mundschaften und Pflegschaften gibt, das ist ja jetzt ganz an­ders.

Frage: Ein Elternteil darf jetzt alleine das Er­ziehungsrecht haben ...

G. M.: Eben. Es gibt natürlich viele Eheschei­dungen, wo sie sich nicht einig werden. Aber es hat sich schon vieles geändert. Das Aufenthalts­bestimmungs­recht, z.B. ... Früher hieß es eben Vormundschaft, da hatten Sie alle Rechte. Aber jetzt muss das alles einzeln festgelegt werden vom Gericht: Vormundschaften, Pflegschaften, Beistandsschaften - eine Beistandsschaft gibt's auch, aber da haben Sie im Grunde genommen nicht viel zu sagen... was ist ein Beistand?

Frage: Wird das auch vom Gericht entschie­den?

G. M.: Ja, das wird alles vom Gericht ent­schieden. Ja, und heute kommt es eben darauf an, ob es um die gesetzliche Vertretung geht oder bloß um die Aufenthalts­bestimmung - also, es ist jetzt komplizierter! Früher bekamen Sie auto­matisch alles übertragen. Aber heute müssen Sie gucken, wenn Sie die Bestallung kriegen - das nennt man so, wenn Sie die Sache vom Gericht kriegen - da müssen Sie gucken: was steht da drauf? Geht es um die Aufenthaltsbestimmung, um die Finanzen oder ...

Frage: Also die Jugendgesetzgebung hat sehr großen Einfluss auf Ihre Arbeit gehabt?

G. M.: Ja, die hatte großen Einfluss.

Frage: Haben Sie bis 65 gearbeitet?

G. M.: Nein, bis 60, genau bis zu meinem sechzigsten.

Frage: Ist es Ihnen schwer gefallen aufzuhö­ren?

G. M.: Ach, eigentlich nicht. Zu der Zeit lebte meine Mutter noch, und sie war immerhin schon 94. Da habe ich schon das letzte halbe Jahr nur 30 Stunden in der Woche gearbeitet, um mich um meine Mutter zu kümmern.

Frage: Und nach Ihrem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst haben Sie sich dann als dritte Vorsitzende und später als zweite Vorsitzende in den Vorstand des Für­sorgevereins wählen las­sen?

G. M.: Ja, Frau Nehrkorn wollte ja, dass ich gleich in den Vorstand gehe. Aber ich brauchte erst mal ein Jahr Pause. Ende 1988 bin ich dann gewählt worden und war bis 1996 im Vorstand. Dann habe ich gesagt, das sollen jetzt mal die Jüngeren machen ...

(Das Interview wurde am 6. März 2006 von Hedwig Brüchert in Wiesbaden aufgezeichnet und für die Ver­öffentlichung redaktionell bearbeitet.)

Buch Anfang

Seite zurück

Inhalt

Seite vor

Buch Ende



Copyright © 2004 - 2012 Sozialdienst katholischer Frauen Wiesbaden
Alle Rechte vorbehalten

 


 



Startseite

Sitemap

ooo

Angebote

Aktuell

Der SkF

Kontakt

Links

Impressum

ooo

Satzungen

Selbstverständnis

Geschichte

In eigener Sache

Korrespondenzblatt

Stiftung

xxx

Die Anfänge

Der Aufbau

► 100 Jahre Wiesbaden

Festveranstaltung



Stand: 17.10.2011