100 Jahre
Johannesstift Wiesbaden
Sozialdienst katholischer Frauen

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Die Außenfürsorge nach 1945

Angesichts der großen äußeren und inneren Not, in der sich zahlreiche junge Menschen nach dem Ende des Krieges befanden, schien es dringend geboten, auch die Außenfürsorge so rasch wie möglich wieder aufzubauen. Dazu musste jedoch eine Reihe von Hindernissen aus dem Weg ge­räumt werden.


Büro der Außenfürsorge, Friedrichstraße 30 (Altbau, rechts)
(Bildnachweis: SkF Wiesbaden)




Als einzige Fürsorgerin stand zunächst weiter­hin Agnes Heftrich zur Verfügung. Sie war inzwi­schen 58 Jahre alt und gesundheitlich in einer sehr schlechten Ver­fassung. Ein Büro der Au­ßenfürsorge gab es bei Kriegsende nicht mehr, deshalb arbeitete sie im Sommer 1945 von ihrer Wohnung aus. Da dort jedoch auch Aus­ge­bombte einquartiert waren, gestalteten sich die Arbeitsbe­dingungen äußerst schwierig.111 Ilse Hoffmann von der Dortmunder Zentrale, die nun als Referentin die hessischen Ortsgruppen des Fürsor­gevereins betreute, empfahl dem Wies­badener Verein, sich wieder um ein Büro im Hause des Caritasver­bandes zu bemühen. Auch erachtete sie für Wiesbaden eine junge tüchtige Kraft für not­wendig, um die vermehrt anfallende Arbeit zu bewältigen und um außerdem die Zusammenar­beit zwischen dem Vorstand, der Außenfürsorge und dem Heim zu verbessern.

1946 erhielt der Fürsorgeverein wieder ein Büro im Haus des Caritasverbands in der Fried­richstraße. Bei der Besprechung in Limburg vom Mai 1946, als es um die Frage der Selbststän­digkeit des Fürsorgevereins gegangen war, hat­ten der Cari­tas­verband und der Fürsorgeverein Wiesbaden auch verabredet, eine gemein­same Fürsorgerin anzustellen, die jeder der beiden Or­ganisationen mit der Hälfte ihrer Arbeitszeit zur Verfügung stehen sollte. Diese zusätzliche Kraft, Frl. Grimme, war nun neben Agnes Heftrich halb­tags für den Fürsorgeverein tätig.

Diese Regelung bewährte sich allerdings nicht und wurde bald wieder aufge­geben. Im De­zember 1946 schrieb die Vorsitzende des Zen­tralverbands, Elisa­beth Zillken, an Prälat Wolff in Wiesbaden, dass beide Organisationen dringend je eine eigene Vollzeitkraft benötigten, zumal Agnes Heftrich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr voll einsatzfähig war.112 Allerdings bot das Büro keinen Platz für eine zusätzliche Mitarbeiterin. Dies lag vor allem daran, dass Frl. Grimme in diesem Büroraum auch wohnte. Sie war vermutlich ausgebombt, und Wohnungen waren 1946 in Wiesbaden rar. Die Aufkündigung der Vereinbarung mit dem Cari­tasverband, eine Mitarbeiterin zu teilen, beschwor einen Konflikt mit Caritas­direktor Adlhoch herauf, doch schließ­lich setzte sich der Fürsorgeverein durch und stellte eine zweite eigene Fürsorgerin ein.

Der Arbeitsumfang war beträchtlich gewach­sen, da die Außenfürsorge nun auch in den seit Kriegsende auf Befehl der amerikanischen Mili­tärregierung von Wies­baden mitverwalteten ehe­mals Mainzer Stadtteilen Kostheim und Kastel mit Amöne­burg, neu aufgebaut werden musste. Diese Stadtteile waren einerseits stark von Indus­triearbeiterschaft und andererseits von großen Kasernen mit einer entsprechenden Präsenz von amerikanischen Soldaten geprägt.

Agnes Heftrich wurde im Frühjahr 1954 in den Ruhestand versetzt, führte jedoch trotz schwerer Krankheit noch eine Reihe von Vormundschaften weiter. Die Arbeit für den Katholischen Fürsorge­verein war ihr Leben, und es fiel ihr sehr schwer aufzuhören. Sie starb im Januar 1958 im Alter von 70 Jahren.

1956 wurde wegen des großen Arbeitsanfalls noch eine dritte Stelle in der Außen­fürsorge ge­schaffen. Man stellte die junge Fürsorgerin Ger­trud Mainka ein, die sich nun die Aufgaben mit Alma Frieß und Lisabeth Jahnel teilte und die dann über 31 Jahre lang für den Verein tätig war. 1964 kam Lore Hutmacher hinzu, die bis zu ihrer Versetzung in den Ruhestand im Jahr 1989 eben­falls 25 Jahre lang für den Fürsorgeverein arbei­tete, während die dritte Kraft öfters wechselte.


Gertrud Mainka im Büro in der Langgasse 20
(Bildnachweis: Gertrud Mainka)




In der ersten Zeit mussten sich die drei Mitar­beiterinnen ein kleines Büro in der Friedrichstraße 30 teilen. Dieser Raum wurde dem Fürsorgever­ein im März 1957 gekündigt, da ihn der Caritasverband selbst benötigte. Die Fürsorgerinnen mussten in die Langgasse 20 umziehen. Nach­dem der Neubau des Roncalli-Hauses fertigge­stellt war, konnte die Außenfürsorge des Katho­lischen Fürsorge­vereins 1971 in den Altbau des Caritashauses in der Friedrichstraße 30 zurück­kehren, erhielt nun aber zusätzliche Räume, die für Beratungsgespräche dringend benötigt wur­den. Als sich in den 1970er und 1980er Jahren die Hiltruper Schwestern dann zunehmend aus dem Johannesstift zurückzogen und dort Räume frei wurden, zog die Beratungsstelle des Vereins in die Gebäude an der Platter Straße um, wo sie sich noch heute befindet.

In den ersten Jahren teilten sich die Fürsor­gerinnen ihre Arbeitsgebiete nach Pfarreibezirken auf. Den größten Teil der Arbeit machten damals die Vormund­schaften für nichteheliche Kinder, Waisen und Halbwaisen aus. So hatte in den Jahren 1957 und 1958 jede der drei Fürsorge­rinnen 150 bis 200 Vereinsvor­mund­schaften zu führen.113 Es wurde angestrebt, möglichst viele davon in Einzelvor­mundschaften umzuwandeln. Dazu mussten jedoch erst geeignete ehrenamt­liche Personen gefunden und geschult werden.

Daneben zählten die Gefährdetenfürsorge, Gefängnisbesuche, Angelegenheiten des Ju­gendgerichts und Adoptionsvermittlungen zu den Aufgaben der Außenfür­sorge. In den 1950er und 1960er Jahren gab es zahlreiche Adoptionen von Kindern durch amerikanische Soldaten.

Die dritte Fürsorgerinnenstelle konnte weit­gehend mit Sondermitteln aus dem Bundesjugendplan finanziert werden. Im Bericht über die Generalversammlung des Fürsorgevereins vom 27. April 1960 heißt es dazu, dass die „Mittel ... zur Verfügung gestellt wurden mit dem be­sonderen Zweck der Betreuung deutscher Mäd­chen, die bei Amerikanern in Haushaltungen, Gaststätten oder Betrieben beschäftigt sind. Die Erfassung dieser Mädchen ist schwierig: sie wechseln häufig den Arbeitsplatz, ohne Angabe der neuen Adresse, sie sind z. Teil nur halbtags beschäftigt, ihre Zahl und ihre Konfession ist schwer festzustellen und endlich ist das von Amerikanern bewohnte Gelände um Wiesba­den so weitläufig, daß immer nur ein geringer Teil der Mädchen besucht werden kann. Wir ver­suchen nun, durch Hausbesuche und Anschreiben mit den Mädchen Kontakt zu bekommen und sie dann in Gruppenabenden zusammen-zufassen."114

Zehn Jahre später war dieses Arbeitsgebiet nach wie vor aktuell. Im Verwen­dungs­nachweis über die erhaltenen Mittel aus dem 11. Hessen-Jugendplan vom 17. März 1969 steht zu lesen: „Wiesbaden ist weiterhin als eine Stadt mit einer besonderen Jugendgefährdung anzusehen. Ein wesentlicher Faktor ist nach wie vor die Anwe­senheit amerikanischer Truppen, deren Zahl etwa gleichgeblieben sein dürfte. Unter den von uns im letzten Jahr geführten Vormundschaften und Pflegschaften haben 59 Mündel als Vater einen Angehörigen der Besatzungs­truppen: nur 9 haben die Vaterschaft anerkannt und nur 2 zahlen Unterhalt für ihre Kinder. 16 Mündel sind Mischlingskinder; ihre Situation ist nach wie vor beson­ders schwierig."115

Auch die politische Lage im geteilten Deutsch­land erforderte immer wieder ein Reagieren auf aktuelle Entwicklungen. So zeigte sich Mitte der fünfziger Jahre auch in Wiesbaden die Notwen­digkeit, eine spezielle „SBZ-Betreuungsgruppe" einzurichten, da damals offenbar viele Minderjäh­rige ohne ihre Eltern aus der DDR nach West­deutschland kamen. Hier entzündete sich wieder einmal ein Konflikt zwischen dem Caritasverband und dem Fürsorgeverein, da der Wiesbadener Caritasdirektor Bruno ohne Wissen des Fürsor­gevereins bereits einen Antrag auf Mittel für die Betreuung dieser Zielgruppe, auch der Mädchen, gestellt hatte.116

Die Fürsorgerinnen waren auch stets in die Gemeinwesenarbeit der Stadt einge­bunden; sie arbeiteten in den sozialen Brennpunkten Wiesba­dens sowie im Jugend­hilfeausschuss und ande­ren städtischen Gremien mit.

Die Besuche bei weiblichen Gefangenen endeten im Frühjahr 1958, als diese alle nach Frankfurt-Preungesheim verlegt wurden und in Wiesbaden keine Frauenhaft­anstalt mehr exis­tierte.

Danach besuchte Frau Martinius, stellvertre­tende Vorsitzende des Fürsorgever­eins, zunächst noch einige Monate lang die männlichen katho­lischen Gefangenen, was von der Gefängnislei­tung jedoch nicht gerne gesehen wurde. Schließ­lich konnte man den jungen Lehrer Traudes, Sohn des früheren Vorstandsmitglieds Maria Traudes, für diese Aufgabe gewinnen.117

Im Lauf der Jahre veränderten sich auch die übrigen Arbeitsschwerpunkte in der Außenfür­sorge, bedingt durch die demographische Ent­wicklung und durch eine Reihe von Änderungen im Familienrecht, insbesondere in Bezug auf das elterliche Sorgerecht, das Nichtehelichenrecht von 1970, das volljährigen Müttern die elter­liche Gewalt über ihre nichtehelichen Kinder gab, die Senkung der Alters­grenze zur Erreichung der Volljährigkeit (1975) und die Neufassung des Adop­tions­ver­mittlungsgesetzes (Hessen: 1976). So ging die Zahl der Mündel im Bereich der Vor­mundschaftsarbeit zunehmend zurück. Durch den Rückgang der Geburten-zahlen verlor auch die Adoptionsvermittlung an Bedeutung.

Stattdessen kamen neue Arbeitsgebiete hinzu. Eines der wichtigsten war die Schwangerschafts­konfliktberatung nach der Reform des § 218 in den Jahren 1974/75. Zu den veränderten Aufga­ben des SkF in den vergangenen drei Jahr­zehnten geben das sich hier anschließende Interview mit Gertrud Mainka sowie der Beitrag von Rosemarie Bürger Auskunft.

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