100 Jahre
Johannesstift Wiesbaden
Sozialdienst katholischer Frauen

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Das Johannesstift nach 1945

Im Juli 1945 begannen erste zaghafte Versuche, das Heim wieder in Gang zu bringen. Die Obe­rin, Schwester Chantal, hatte bereits Gespräche mit dem Landes­hauptmann über die Wiederer­öffnung einer Mütterstation und eines Vor­asyls geführt. Dies setzte jedoch voraus, dass das Kran­kenhaus einen Teil des Hauses räumte und die ausgebrannten Zimmer wieder hergerichtet wür­den. Denn noch befanden sich mehrere Klinik-Abteilungen im Johannesstift, und der Fürsor­ge­verein musste sich darauf einstellen, dass diese Nutzung noch einige Zeit andau­ern würde, da die Gebäude der Städtischen Krankenanstalten in der Schwalbacher Straße fast vollständig zerstört waren. Auch war noch kein Bau­material erhältlich, um die Schäden am Haus zu beheben.


Johannesstift in der Platter Straße
(Bildnachweis: Johannesstift Wiesbaden)




Als einzige Abteilung des Johannesstifts exis­tierte im Sommer 1945 die Säug­lings­station, die jedoch nicht ausgelastet war. Zum 1. Okto­ber konnte ein Saal für die unehelichen Mütter freigemacht werden; sieben Mütter hatte man schon in den Wochen zuvor provisorisch einquartiert, wie Schwester Chantal am 20. Septem­ber 1945 nach Dortmund schrieb. Unter finanziellen Gesichtspunkten war die Oberin allerdings ganz froh darüber, den Winter 1945/46 über noch Ab­teilungen der Städtischen Krankenanstalten im Hause zu behalten, da dies eine Einnahme­quelle bedeutete und Reparaturen an den Gebäuden ermöglichte. Jedoch sah es Schwester Chantal auch als unbedingt notwendig an, trotz der Enge für den bevor­stehenden Winter Unterbringungs­möglichkeiten für aufge­griffene obdachlose Ju­gendliche zu schaffen.86

Nur wenige Monate später, am 11. April 1946, konnte die Referentin der Zentrale, Dr. Ilse Hoff­mann, nach einem Besuch in Wiesbaden bereits recht optimistisch berichten: „Das Johannesstift ist bis auf eine kleine Station mit 40 Betten wie­der ganz frei für seine eigentlichen Aufgaben. Ab 15.4. wird eine Geschlechts­kran­ken­station, zunächst mit 25 Betten, und eine Station für schwangere Fürsorge­zöglinge, zunächst mit ebenso vielen Betten, wieder eröffnet. ... Sorge macht mir die wenig gute fürsorgerische Ausbil­dung der Schwestern. Es ist nur eine Schwester da, die Fürsorgearbeit aus Dormagen kennt. Alle anderen sind rein krankenpflegerisch geschult. Schwester Oberin hat sich auch deswegen be­reits mit dem Mutterhaus in Verbindung gesetzt. Das Vorasyl wird auch wieder eröffnet mit 8-10 Betten. Auf der Kinderstation waren z.Zt. 70 Plätze belegt, die Mütter­station mit etwa 20 Bet­ten besetzt. Das Haus ist renoviert und macht einen ausge­zeichneten Eindruck."87

Im Frühjahr 1946, nach dem Auszug fast aller Krankenhausabteilungen aus dem Johannes­stift, konnte auch die Ausbildung von Säuglings­schwestern wieder auf­ge­nommen werden. Maria Hanel88, eine der Schülerinnen des ersten Kurses, erinnert sich, dass sie damals alle mit anpackten, um die letzten Bombenschäden im Dachge-schoss des Vorderhauses zu beheben. Mit dem heimeigenen drei­rädrigen alten Lieferwagen mit offener Ladefläche, wegen des lauten Knatterns und heftigen Qualmens von allen im Stift „der feurige Elias" genannt, wurden von einer Schutt­halde Ziegel und Steine geholt, abgeklopft und von den Schwestern­schülerinnen zum Maurer ins oberste Stockwerk weitergereicht.


Johannesstift
(Bildnachweis: Johannesstift Wiesbaden)




Auch bei der Beschaffung von Essen leistete das betagte Fahrzeug gute Dienste. Schwester Edeltraud, die sich als wahres Genie im Organi­sieren von Nahrungs­mitteln erwies, fuhr damit gemeinsam mit dem Hausmeister regelmäßig in eine amerikanische Kaserne und brachte einen großen Topf mit Suppe sowie einen Topf mit echtem Bohnenkaffeesatz mit zurück. Mit der Suppe wurden die Kinder sattge­füttert. Die rest­liche Flüssigkeit, die aus dem Kaffeesatz gewon­nen wurde, durften die Schwesternschülerinnen, die den Nachtdienst versehen mussten, trinken - damals ein begehrter Luxus! Für die Kinder von Besatzungssoldaten, die im Heim lebten, stellte die amerikanische Militärverwaltung täglich ein halbes Weißbrot und einen Liter Milch zur Ver­fügung. Diese kostbare Zusatznahrung teilten die Schwestern gerecht unter allen Säuglingen auf.

Die große Not vieler Menschen in jenen Jah­ren vor der Währungsreform veran­lasste die Schwestern, im Johannesstift auch eine Suppen­küche einzurichten. Arme konnten sich täglich an der Pforte eine warme Mahlzeit abholen. Diese Speisung wurde dann fast vier Jahrzehnte lang für Obdachlose, Nichtsesshafte und andere Be­dürftige fortgeführt.

Im Lauf des Jahres 1946 wurde die Arbeit da­durch beeinträchtigt, dass die Oberin sehr krank war und Entscheidungen hinauszögerte. Auch lehnte sie wiederholt bei Anfragen des Gesund­heitsamtes die Aufnahme von geschlechtskranken Mädchen ab. Dr. Hoffmann und Magdalena Neuroth besprachen die Situation im Juni 1946 mit der Leiterin der Geschlechtskrankenfürsorge des Gesundheitsamtes, Dr. Filsinger, und waren sich einig, dass die Altersgrenze für die Aufnahme der Mäd­chen unbedingt angehoben werden müsse, damit auch noch die 18- und 19-Jährigen im Stift eine Zuflucht finden konnten.89 Schwester Chantals Zeit als Oberin war eigentlich im Som­mer 1946 abgelaufen, doch vom Mutterhaus in Hiltrup wurde erst im Frühjahr 1948 eine Nach­folgerin, Schwester Salesa, nach Wiesbaden ent­sandt.


Kinderhaus, Station „Hochland"
(BIldnachweis: Annemarie Herrmann)




Bei Schwester Salesa handelte es sich um eine sehr resolute Person, die ihre Entscheidungen häufig ohne Rücksprache mit dem Vorstand traf. Daraus ergaben sich in der Folgezeit zahlreiche Konflikte. So bildete die Höhe der Gehälter für die Mitarbeiterinnen in der Außenfürsorge, die aus dem Budget des Johannesstifts gezahlt wer­den mussten, immer wieder einen Streitpunkt. Es fehlten klare Verein­barungen zwischen dem Fürsorgeverein und dem Hiltruper Mutterhaus hinsicht­lich der Zuständigkeiten der Schwestern und jener des Vereinsvorstandes. Die finanzielle Lage des Johannesstifts war in den ersten Jahren nach dem Krieg äußerst angespannt, so dass die Oberin zu sparen versuchte, wo sie nur konnte. Es waren Reparaturen am Haus notwendig, das Heim war nur schwach belegt. Die Zahl der för­dernden Mitglieder war sehr niedrig, und außer einer kleinen Näherei besaß das Stift noch keine zusätzliche Einnahmequelle. Überdies hatte sich herausgestellt, dass die noch aus der Vorkriegs­zeit stammende Darlehens­schuld von 34.000 Mark, die auf dem Anwesen lastete, bei der Wäh­rungsreform nicht abgewertet worden war, son­dern weiterbestand.90

Besonders beim Thema „Vorasyl" vertraten die Oberin und der Verein sehr unter­schiedliche Auf­fassungen. Schwester Salesa war der Ansicht, es sei aus pädago­gischen Gründen nicht zu vertre­ten, ein Vorasyl mit einem geschlossenen Erzie­hungsheim zu verbinden, und wollte das Vorasyl auflösen. Dies widersprach jedoch den Arbeits­prinzipien des Katholischen Fürsorgevereins. So schrieb Ilse Hoffmann von der Zentrale am 17. Januar 1950 voller Sorge an die Oberin: Sie dürfen das Vorasyl, das unsere urei­genste Aufgabe ist, nicht aufgeben, eher eine andere Station. Überall versuchen wir, Vorasyle einzurichten, um die Menschen, die obdach-, heimat- und haltlos sind, aufzufangen, ihnen zu helfen, daß sie bei uns innerlich und äußer­lich zur Ruhe kommen, ihre Schuld erkennen und beken­nen, und Sie wollen das Vorasyl, das Wiesbaden seit 20 Jahren hat, aufgeben. Sie wenden ein, daß Sie die Schützlinge nur ein oder zwei Tage behalten; das ist zwar eine kurze Zeit, aber dennoch ist es nicht gleich, wer sie in diesen zweiTagen aufnimmt, sie säubert, mit ihnen spricht und mit ihnen ihre Zukunft überlegt. Es darf nicht „irgendwer" tun, weder die Stadt noch der Caritasverband, das ist unsere Auf­gabe, Aufgabe des Fürsorgevereins. ... und denken Sie bitte an die Außenfür­sorge. Ohne Vorasyl ist die Hilfe nochmal so schwer und oft nicht möglich." 91

Ilse Hoffmann ging dann auf die notwendige räumliche Trennung von Vorasyl und Erziehungs­heim ein und argumentierte, dass diese in einem Haus von der Größe des Johannesstifts keine Schwierigkeit bereiten dürfe. Schwester Salesa lenkte ein und versprach, solche Fälle, die für das Stift tragbar seien, auch künftig aufzu­nehmen.


Johnny
(BIldnachweis: Annemarie Herrmann)




Das Säuglingsheim war stark gefragt und musste mehrmals vergrößert werden. Im Frühjahr 1952 umfasste es 170 Betten. Laut Schwester Salesa war die Auf­nahme dieser hohen Zahl von Kindern notwendig, damit sich das Haus finanziell trug. Sie plante deshalb einen Erweiterungsbau in Form von gedeckten Veranden. Damit sollte vor allem mehr Platz für die Krabbelkinder geschaf­fen werden. Die Oberin hoffte auf Zuschüsse zu den geschätzten Baukosten in Höhe von rund 50.000 Mark aus dem Bundesjugendplan. Diese Mittel standen jedoch nur für die Betreuung von durch Truppenansammlungen gefährdeten Mäd­chen zur Verfü­gung. Daraufhin war die Oberin bereit, die Zahl der Mädchenplätze im Haus auf 100 zu erhöhen.92 Am 31.12.1953 reichte das Johannesstift die Anträge zur Finanzierung des Anbaues beim Ministerium ein.

Zum Teil handelte es sich bei den minderjäh­rigen Müttern, die mit ihren Kindern als Fürsor­gezöglinge im Johannesstift untergebracht waren, um sehr junge Mädchen, zum Teil noch halbe Kinder. So befanden sich im Juni 1953 zwei 13-Jährige auf der Mütterstation.93

Im Sommer 1954 stand die Versetzung von Oberin Schwester Salesa, an. Sie bedauerte, von Wiesbaden Abschied nehmen zu müssen und ihre Erweiterungs­pläne nicht mehr selbst ausfüh­ren zu können.94 Allgemein wurde ihr große Tüch­tigkeit in wirtschaftlichen und organisatorischen Fragen bescheinigt, auch wenn ihr die Fähigkeit zur Teamarbeit fehlte. Und der Hausgeistliche, der mit ihr auf Kriegs­fuß stand, vermisste „inner­halb des Hauses doch sehr viel an Mütterlich­keit".95 Dies lässt erahnen, dass der Erziehungsstil der Schwestern in den fünfziger Jahren noch sehr autoritär und von Strenge und Disziplin geprägt war.

Sorge bereitete dem Fürsorgeverein Wiesbaden zu dieser Zeit, dass die Belegung des Johannes­stifts, wie der konfessionellen Heime in Hessen allgemein, zurück­ging. Ursache war eine Entscheidung der hessischen Jugendbehörden, vorrangig die Heime des Landeswohlfahrtsverbandes Hes­sen, nämlich das „Landesjugend­heim Fuldatal" in Guxhagen (im ehemaligen Kloster Breitenau) und die Steinmühle in Bad Homburg-Ober-Erlenbach, zu belegen. Das Heim in Guxhagen geriet später, in den 1960er Jahren, wegen der dort praktizier­ten menschenunwürdigen Erziehungsmethoden in die öffentliche Kritik, worauf es geschlossen wurde. Schon 1954 war dem Katholischen Für­sorgeverein über diese Erziehungsanstalt viel Ne­gatives zu Ohren gekommen.96


Schwester Meinolfa
(BIldnachweis: Annemarie Herrmann)




Im Oktober 1954 traf die neue Oberin, Schwes­ter Meinolfa, im Johannesstift ein. Sie setzte die Planungen für den Ausbau des Heims fort. Da allerdings nur geringe Zuschüsse aus dem 6. Bundesjugendplan zu erwarten waren, kam man überein, von einem Neubau zunächst abzusehen und stattdessen das Dachgeschoss auszubauen. Außerdem musste die Küche unbedingt vergrö­ßert und modernisiert werden.

Doch die räumlichen Verhältnisse waren nach wie vor beengt, und das Thema „Erweiterungs­bau" blieb auf der Tagesordnung. Man beschloss, ein benachbartes Grundstück, für das der Verein das Vorkaufsrecht besaß, von der Stadt zu erwer­ben. Zunächst verlegte man jedoch die Wäsche­rei sowie das Bügel- und Mangel­zimmer in den früheren Stall, um kurzfristig Platz für ein geson­dertes Vorasyl mit 15 Betten zu gewinnen.

Allerdings warf das Thema Vorasyl neue Pro­bleme auf. Seine Notwendigkeit wurde allseits bejaht. Gleichzeitig waren aber auch von Seiten der Behörden Befürch­tungen laut geworden, der Ruf des Johannesstifts könne leiden, wenn das Vorasyl mit seiner problematischen Klientel di­rekt dem Mädchenerziehungsheim angeglie­dert sei. Es wurde daher überlegt, ob man nicht ein Auffangheim auf dem Nachbar­grundstück errich­ten könne, das vom Stift räumlich völlig getrennt wäre.97 Man befand sich hier in einem echten Zwiespalt: Bei Errichtung des Vorasyls für die ge­fährdeten Mädchen konnte man Zuschüsse aus den Mitteln des Bundes­jugend­plans beantragen. Ohne diese Zuschüsse war die gesamte bauliche Erwei­terung des Johannesstifts in Frage gestellt. Es bestand jedoch die Gefahr, dass nach Ein­rich­tung des Vorasyls die Behörden keine Mädchen mehr in das Erziehungsheim des Johannesstifts schicken würden. Mehr als die Hälfte der Schütz­linge wurde durch das Landesjugendamt zuge­wiesen. Der Vorschlag, ein gesondertes Auffang­heim gemeinsam mit der Inneren Mission zu er­richten und zu betreiben, wurde von der Zentrale des Katholischen Fürsorgevereins abgelehnt, der stets Wert auf die Unab­hängigkeit seiner Einrich­tungen legte.


Neubau 1957, Karte aus den 50er Jahren
(Bildnachweis: Johannesstift Wiesbaden)




Nach eingehenden Beratungen mit dem Cari­tasdirektor und der Sachbearbeiterin des Landes­jugendamts einigte man sich auf einen Kompro-miss. Man nahm den bereits bewilligten Zuschuss in Höhe von 48.000 Mark an und wollte im Neu­bau lediglich eine kleine Auffangstation mit zehn Plätzen errichten. „Es herrscht bei allen Anwe­senden Übereinstimmung darüber, daß dadurch eine Diskriminierung des Erziehungsheimes nicht gegeben ist. Denn es handelt sich nicht um ein öffentliches' Vorasyl, das als solches der Stadt und anderen Behörden bekannt­gegeben wird. Durch die Schaffung der 10 Plätze wird dem Fürsorgeverein für seine Außenfürsorge lediglich die Möglichkeit gegeben, Mädchen, die nicht F.Z. [Fürsorgezöglinge] sind oder der freiwilligen Er­ziehungsfürsorge angehören, unterzubringen." 98

Im September 1956 war der Rohbau fertigge­stellt. Im März 1957 war die neue Küche vollen­det und sehr schön geworden. Die Räume für die Säuglings­schwestern­schülerinnen konnten eben­falls Ende März bezogen werden, das Vorasyl ei­nige Monate später.

Am 29. Oktober 1957 konnten der Fürsorge­verein und das Johannesstift feierlich ihr fünfzig­jähriges Bestehen begehen. Das Jubiläum begann mit einem Fest­gottes­dienst, bei dem Diözesan-Caritasdirektor Adlhoch die Ansprache hielt. Am Nach­mittag folgte eine öffentliche Feierstunde im großen Saal des Kolpinghauses. Den Festvortrag hielt Elisabeth Zillken, die Präsidentin des Dort­munder Gesamt­vereins. Musikalisch umrahmt wurde die Feier vom Chor des Johannesstifts. Die Stadt Wiesbaden verlieh dem Verein in An­erkennung seiner geleisteten Arbeit die bronzene Stadtplakette.

Zum Zeitpunkt der 50-Jahr-Feier umfasste das Johannesstift ein Säuglingsheim und ein Erzie­hungsheim. Im Säuglingsheim gab es 170 Plätze für Säuglinge und Klein­kinder bis zu drei Jahren. Damit verbunden waren eine Entbindungssta­tion, deren Betten auch von Wiesbadener Ärzten belegt werden konnten, eine kleine Mütter­station für ledige Mütter sowie eine staatlich anerkannte Säuglings­pflege­rinnen­schule. Die Ausbildung umfasste einen zweijährigen Lehrgang sowie ein drittes praktisches Jahr. Der Fachunterricht wurde von zwei Ärzten und drei Schwestern erteilt.


Schwesternschülerin Ursula Rösch mit Mischlingskind Inge
(BIldnachweis: Annemarie Herrmann)




Das Erziehungsheim bot 75 bis 80 Plätze. Die Jugendlichen im Alter von 14 bis 19 Jahren befanden sich zum Teil in Fürsorgeerziehung, zum Teil in der freiwilligen Erziehungshilfe; einige waren privat im Heim untergebracht. In einem Bericht aus den späten fünfziger Jahren ist das Heim näher beschrieben: Das Erziehungs­heim hat den Charakter einer Haushaltungsschule, in der die Mädchen alles lernen, was eine Hausfrau können muß: Flicken, Stopfen, Nähen, Handarbeiten, Stricken, Bügeln, Waschen, Putzen, Kochen, Backen, auch Kinder­pflege und Gartenarbeit. Den Lehrwerkstätten für Schneiderinnen und Büglerinnen stehen Schwes­tern als Meisterinnen vor. Auf der Säuglingssta­tion können sich die Mädchen die Kennt­nisse in der Säuglingspflege aneignen. Bei besonderer Eignung und Neigung werden sie auch auf die Bürotätigkeit vorbereitet. Parallel mit der praktischen Aus­bildung läuft die schulische. Der Unterricht erfolgt in den haus­wirtschaftlichen Fächern: Nahrungsmittel- und Ernährungslehre, Hauswirt­schaftslehre, Gesund­heits­lehre, Kranken- und Säuglingspflege sowie im Singen und Turnen. Der Charak­terbildung dient daneben der Unterricht in Lebenskunde, Politischer Gemeinschaftskunde, in Erziehungs­lehre und Religion. Auch die Freizeitsoll der persönlichen Bildung und Veredelung dienen. Hier sind zu nennen: Feste und Feiern, Gesang und Musik, Spiel, Tanz und Film, Werk- und Hand­arbeit, Lesen, Sport, Wandern und Schwimmen. So dienen Arbeit, Un­terricht und Freizeitge­staltung dazu, die jungen Mädchen für das Leben vorzubereiten."99

Damals war das Johannesstift, wie alle Erzie­hungsheime jener Zeit, noch eine geschlossene Anstalt, d.h., abends wurden die Türen verschlos­sen, und die Mädchen durften nur in Begleitung der Schwestern oder von anderem Erziehungs­personal das Heim verlassen. Allerdings hatte das Johannesstift nicht den Charakter eines Ge­fängnisses, es gab hier keine vergitterten Fenster. Als in den 1960er Jahren die Heimerziehung in die öffentliche Diskussion geriet und es massive Vorwürfe und Demonstrationen gegen die staat­lichen Heime in Hessen, insbesondere gegen das Mädchenerziehungsheim „Fuldatal" in Guxhagen gab, blieb das Johannesstift von solchen Protest­aktionen verschont.

Es kam durchaus vor, dass eines der Mädchen aus dem Heim abends heimlich aus dem Fens­ter kletterte. Öfters wurden die Ausreißerinnen an Treffpunkten oder in einschlägigen Lokalen, in denen amerikanische Soldaten verkehrten, von einer Streife der U.S.-Militärpolizei aufgegriffen und zurück ins Johannesstift gebracht, wie sich Maria Hanel, eine ehemalige Mitarbeiterin, die auch im Hause wohnte und manchmal Nacht­dienst an der Pforte verrichten musste, erinnert.

Kurz nach der Jubiläumsfeier vom Oktober 1957 wurde die schwerkranke Schwester Mei-nolfa als Oberin abberufen. Die Nachfolge trat Schwester Salesa an, die bereits von 1948 bis 1954 das Johannesstift geleitet hatte. Nicht alle waren glücklich über diese Entscheidung des Mutterhauses, da sich in der Vergangen­heit die Zusammenarbeit zwischen ihr und dem Ver­einsvorstand als schwierig erwiesen hatte. Man versuchte diesmal, von Anfang an klare Vereinbarungen über Ent­schei­dungs­befugnisse und finan­zielle Fragen zu treffen.100

Schwester Salesa nahm schon bald nach ihrer Ankunft Pläne zur Errichtung eines weiteren Neu­baus in Angriff. Den Bedarf begründete sie mit den neuen Richtlinien für Erziehungsheime, nach denen eine Gruppe nicht mehr als 16-18 Mäd­chen umfassen durfte. Im Johannesstift wurden jedoch wegen des Raummangels 72 Mädchen in nur drei Gruppen betreut. Außerdem benötigte man zusätzliche Räume für das Schwesternwohn­heim, eine größere Kapelle, einen neuen Saal (der vorhandene wurde als Schulraum genutzt) und einen Aufenthalts raum für die Schülerinnen.

Der Fürsorgeverein war in der glücklichen Lage, dass er nach und nach einige Nachbargrundstü­cke hatte erwerben können, so dass ausreichend Gelände für eine Erweiterung zur Verfügung stand. Es wurde nun ein Baukuratorium gebildet, um die Mittelbeschaffung abzuklären. Schließlich ging man das große Projekt mutig an, wobei Schwes­ter Salesa die treibende Kraft war.101 Am 14. April 1962 konnte der Grundstein gelegt werden. Der von Architekt Hans Caumanns im Stil der sechziger Jahre gestaltete Erweiterungsbau, der auch eine weiträumige Kapelle umfasste, wurde am 22. Au­gust 1963 feierlich eingeweiht. Bischof Wilhelm Kempf war persönlich aus Limburg nach Wies­baden gekommen, um die Kapelle zu segnen.

Im Frühjahr 1964 wurde Schwester Salesa als Oberin durch Schwester Reinula abgelöst, die dann neun Jahre lang das Johannesstift leitete. Die Einrichtung war ihr nicht fremd, da sie bereits sechs Jahre zuvor als Assistentin von Schwester Salesa und als Gruppenschwester hier gewirkt hatte.


Kapelle
(Bildnachweis: Johannesstift Wiesbaden)




Die in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre einsetzenden Diskussionen um eine notwendige Bildungsreform beschränkten sich nicht auf die Schulen, sondern umfassten auch die Vorschul­pädagogik und die Heimerziehung. Sie blieben natürlich nicht ohne Auswirkungen auf das Jo­hannesstift.

In mehreren Besprechungen mit dem Landes­jugendamt im Jahr 1967 wurde fest­gelegt, dass die Zahl der Schützlinge im Kinderheim des Stifts reduziert werden solle, um die Betreuung der Kinder in altersgemischten Gruppen von maximal zwölf anstelle von bisher zwanzig Kindern zu er­möglichen. Bis Oktober 1967 war die Absenkung der Kinderzahl auf nur mehr 100 erreicht, wie von den Behörden gewünscht, und die Umstel­lung auf die altersgemischten Gruppen war abge­schlossen. Im Jahr 1968 gab es im Johannes­stift nun neben der Säuglings­station (für Kinder bis zu sechs Monaten) sieben familienähnliche Gruppen, in der Kinder betreut wurden, bis sie in der eigenen Familie oder in einer Pflege- oder Adoptions­familie Aufnahme fanden. Waren sie im Alter von 5½ Jahren noch nicht vermittelt, so wurden sie in ein anderes Heim verlegt, das Schulkinder betreute. Für Kinder ab dem dritten Lebensjahr stand ein hauseigener Kindergarten mit einer ausgebildeten Kindergärtnerin zur Ver­fügung. Wenn Plätze frei waren, wurden auch ex­terne Kinder aufgenommen.102

Doch mit der Umstellung des Kinderheims auf kleinere altersgemischte Gruppen war die Um­strukturierung nicht abgeschlossen, sondern nur eingeleitet worden. Durch Gesetzesänderungen auf dem Gebiet der Jugendfürsorge, durch neue Erkenntnisse in der Pädagogik und entsprechende Vorgaben des Landesjugend­amtes wurden in den folgenden Jahren weitere Veränderungen verlangt.

Im Jahr 1970 regte das Landesjugendamt erst­mals an, das Kinderheim ganz zu schließen, mit der Begründung, die Kinder seien darin schlecht aufgehoben und zeigten Anzeichen von Hospita­lismus. Bemängelt wurde auch, dass die Mädchen aus dem Erziehungsheim zeitweise als Hilfskräfte im Kinderheim eingesetzt wurden. Anstelle des Kinderheims sollte das Mädchenheim ausgebaut und moder­nisiert werden.103 Dort seien die Grup­pen mit sieben bis neun Betten pro Schlafraum zu groß und der Wohnraum zu klein. Es wurde außerdem kritisiert, dass die Mädchen so gut wie nie aus dem Heim hinauskämen.


Schwester mit Kindern
(Bildnachweis: Johannesstift Wiesbaden)




Die Schwestern hingegen betonten die Not­wendigkeit des Kinderheimes ange­sichts der großen Zahl von unehelich geborenen oder aus geschiedenen und zerrütteten Ehen stam­menden, unzureichend versorgten Kleinkindern. Hinsichtlich des Mädchenheims verteidigte die Oberin den Erziehungsstil des Hauses. Sie führte aus, dass alle Schützlinge eine hauswirtschaftliche Ausbildung erhielten und zusätzlich eine Bügel­prüfung ablegen könnten. Nach einer längeren Pause habe man auch wieder mit Schreibmaschi­nen- und Stenokursen begonnen. Der Einsatz der Mädchen in den Kindergruppen sah sie als erzie­herisch wertvoll an. Im Erziehungsheim, in des­sen Gruppen eine familienähnliche Atmosphäre herrsche, würden die Mädchen in Gesprächs­runden zu Rundfunk- und Fernseh­sendungen zu einem kritischen Umgang mit den Medien hingeführt. Auch gebe man den Mädchen „von Fall zu Fall die Möglichkeit sich zu bewähren. Wir lassen sie allein oder zu mehreren in die Stadt gehen, z.B. kleine Einkäufe für sich oder andere zu be­sorgen oder einen Arzt zu konsultieren. Natürlich sind wir uns des Risikos bewußt, und manchmal haben wir auch die Erfahrung gemacht, daß die Mädchen die Gelegenheit ausnützten und fort­liefen."104


Schwester Michaela, 1979
(Bildnachweis: Johannesstift Wiesbaden)




Doch es zeigte sich immer deutlicher, dass die Schwestern mit ihrem traditionellen Erziehungs­stil den Anforderungen, die in den 1970er Jahren an die Heimpädagogik gestellt wurden, nicht ge­wachsen waren. Zum Teil besaßen sie nur eine Ausbildung als Krankenschwester, und es fehlte ihnen das fachliche Wissen. Sie fühlten sich des­halb verunsichert und sträubten sich gegen Neu­erungen. Von Seiten des Landesjugendamtes, der städtischen Erziehungs­beratungsstelle, des Cari­tasverbandes und anderer Wiesbadener Heime wurde zunehmend Kritik am Johannesstift geübt. Der Vorstand entschloss sich im Jahr 1971, eine Psychologin um Mitarbeit im Heim zu bitten, vor allem zur Beratung und Supervision des Perso­nals. Frau Dr. Athe Siller-Harth aus Ingelheim übernahm diese Aufgabe in der Folgezeit einmal wöchentlich.

Die Umstrukturierungen des Johannesstifts brachten auch in finanzieller Hinsicht Probleme mit sich. Durch die Verringerung der Bettenzahl sanken die Einnahmen, die Kosten blieben je­doch gleich. Als Margarete Wihlidal im Frühjahr 1970 den Vorsitz im Vorstand übernommen hatte und versuchte, sich einen Überblick über die fi­nanzielle Situation des Vereins zu verschaffen, stellte sich ihr die Lage alles Andere als rosig dar. Fast verzweifelt schrieb sie am 23. März 1970 an die Zentrale: „Wir, der neue Vorstand, sind uns darüber einig, dass es mit den Finanzen nicht so wie bisher weitergehen kann. Das Geld, das wir bis jetzt für dieses Jahr haben, reicht rund für 6 Monate."105

Trotz der schwierigen Lage musste man über einen grundlegenden Umbau des Heims nach­denken, da die geforderten strukturellen Ver­änderungen der Gruppen auch eine räumliche Umgestaltung erforderten. Der Architekt Paul Johannbroer erhielt den Auftrag, ein Gutachten zum Umbau des Kinderheims zu erstellen, das er am 23. August 1971 vorlegte. Er kam zu dem Er­gebnis, dass ein Umbau zu teuer sei. Man fasste nun die Errichtung eines Neubaus ins Auge.


Schwester Tabula in der Wäscherei
(Bildnachweis: Johannesstift Wiesbaden)




Die Besprechungen und Diskussionen über die zukünftige Struktur des Heims zogen sich über mehrere Jahre hin. Dabei hing auch stets die Frage im Raum, wie lange die Hiltruper Schwes­tern überhaupt noch in Wiesbaden bleiben wür­den und welche Aufgaben das Johannesstift auf­grund seiner personellen und räum­lichen Mög­lichkeiten weiterführen könne, die gleichzeitig mit der Zielsetzung des Trägers übereinstimmten. Im Protokoll eines Arbeitsgesprächs vom Juli 1972 ist festgehalten: Da der Konvent überaltert ist und die Erzie­hungsarbeit mit den jungen Mädchen immer schwieriger wird, neigen die Schwestern dazu, das Kinder­heim zu behalten, aber zahlenmässig zu reduzieren, und in familienge­gliederten Gruppen mit etwa 8 Kindern durchzuführen. In Verbindung mit dem Kinderheim die Erziehungs­gruppe mit 10 Plätzen für junge Mädchen der FEH (Freiwilligen Erziehungshilfe) und FE (Für­sorgeerziehung). Weiter eine Erziehungsgruppe als Übergangsheim für berufstätige Jugendliche. Das Kinderheim glaubt die Oberin mit ihren aus­gebildeten jungen Schwestern besetzen zu kön­nen, ebenso die Mütter­gruppe. Für die Wohn­heimgruppe sollten dann Laien gewonnen wer­den."106


Leitungsteam und Mitarbeiter Ende der 70er Jahre
(Bildnachweis: Johannesstift Wiesbaden)




Die Vorschläge wurden aufgegriffen. Ihre Um­setzung verbesserte umgehend die Arbeitsat­mosphäre im Haus und verlieh den Schwestern neuen Schwung, da sie nun ein konkretes Ziel vor Augen hatten. Bereits im Dezember 1972 war ein Teil des Heims in familienähnliche Gruppen umgestaltet; bis zum Mai 1973 war diese Arbeit fast abgeschlossen. Außerdem waren die Vorbe­reitungen für die Eröffnung der geplanten Tages­stätte mit Kinderkrippe schon weit fortgeschritten. Im März 1974 übernahm Schwester Rafael das Amt der Oberin in Wiesbaden, zunächst auf ein Jahr zur Probe.

Weitere Veränderungen bahnten sich durch den allgemeinen Rückgang der Geburtenzahlen an. Die Kinderkrankenpflegeschule war bereits 1970 geschlossen worden. Im Jahr 1975 wurde dann auch die Entbindungsstation aufgegeben, da die Wiesbadener Ärzte immer seltener Betten im Johannesstift belegten.

Ende 1975 stellte sich die Situation im Heim wie folgt dar: Die Zahl der Plätze war von ursprüng­lich 140 auf 74 reduziert. Die Säuglings- und Kleinkinderstation sowie die Entbindungsstation waren aufgelöst. Es gab im Haus nun vier alters- und geschlechtergemischte Kindergruppen mit je zwölf Kindern im Alter von 0 bis 14 Jahren sowie drei Gruppen für Mädchen über 12 Jahren.

Nach wie vor wurden Defizite hinsichtlich der pädagogischen Arbeit beklagt. Eben­so war es dringend notwendig, die Ausbildungsmöglich­keiten für die Mädchen im Haus zu verbessern. Unter den Schwestern fehlte es an Fachkräften, und durch die Überalterung fiel es ihnen immer schwerer, das Haus zu leiten. Von den 21 Hil-truper Schwestern im Wiesbadener Konvent war damals die jüngste 50 Jahre alt, drei waren zwi­schen 50 und 60 Jahren, alle anderen waren älter. Man plante daher, eine Wirtschaftsleiterin für die hauswirtschaftliche Ausbildung sowie so­zial­pädagogisch ausgebildete weltliche Kräfte für die Erziehungsleitung und für die Betreuung der Gruppen zu suchen. Auch sollte ein Psychologe ganztags beschäftigt werden.107


Verwaltungsleiterin Inge Tamm mit
Anelie Abstein, Personalsachbearbeiterin

(Bildnachweis: Johannesstift Wiesbaden)




Simon Tull von der Katholischen Heimbera­tung108 empfahl, das Johannesstift in ein reines Heim für Mädchen über 12 Jahren umzuwan­deln. Dagegen wehrten sich jedoch die Schwes­tern, die sich dieser schwierigen Altersgruppe nicht gewachsen fühlten.

Schließlich erklärten sich die Schwestern be­reit, die Leitung des Hauses einem Team zu übertragen, jedoch weiterhin mitzuarbeiten. Im Johannesstift begann eine neue Ära, in der die Erziehungs- und Verwaltungsaufgaben zuneh­mend von weltlichen Fachkräften übernommen wurden. Am 1. April 1977 trat der Sozialpä­dagoge Alfred Fränzel die Stelle des Heimleiters an, der gemeinsam mit der neuen Hausoberin Schwes­ter Helmtraud, der Psychologin Anita Mößlein und der Verwaltungsleiterin Inge Tamm das Lei­tungsteam bildete.


Wohngruppe Steinkippel
(Bildnachweis: Johannesstift Wiesbaden)




Zu dieser Zeit wurden im Haus drei familienge­gliederte Gruppen und drei reine Mädchen­grup­pen betreut. Eine der letztgenannten Gruppen bestand aus acht jungen Müttern. Die Mädchen aus dem Johannesstift konnten ein Berufsgrund­schuljahr für ernährungswirtschaftliche Berufe in der Luise-Schröder-Schule besuchen. Ab 1978 wurde im Heim die Ausbildung zur Schneiderin und zur Gärtnerin angeboten; weitere Ausbil­dungsmöglichkeiten, insbesondere als Friseuse und im Büroberuf, sollten ausgelotet werden.109


Schlüsselübergabe Agnes-Neuhaus-Schule, 1985
(Bildnachweis: Wolfgang Eckhardt)




Im Jahr 1979 verließ Alfred Fränzel das Jo­hannesstift. Es wurde beschlossen, die Stelle eines Direktors und Gesamtleiters zu schaffen, die mit dem Diplompsycho­logen Simon Tull besetzt wurde. Er kannte das Johannesstift bereits bestens aus seiner bisherigen Tätigkeit in der Katholischen Heimberatung, widmete sich der neuen Aufgabe mit großem Engagement und brachte viele neue Ideen in die Gestaltung des Heimlebens ein.

Ende des Jahres 1980 waren im Mädchen­heim 43 Plätze belegt, im Kinderheim 22. Au­ßerdem gab es zwei Außenwohngruppen mit je 4-5 Jugendlichen, die an ein selbständiges Leben herangeführt werden sollten: die Wohngruppe „Steinkippel" und die Wohngruppe „Rheinstraße". Hinzu kam eine Reihe von Außenwohnungen für etwas ältere Jugendliche, die in einem gestuften System auf das Erwach­se­nen­dasein vorbereitet werden sollten.


Schüler der Agnes-Neuhaus-Schule in der Bäckerei
(Bildnachweis: Wolfgang Eckhardt)




Die alle gesellschaftlichen Bereiche erfas­sende Demokratisierung, die durch die Studen­tenproteste von 1968 angestoßen worden war, hatte auch vor dem Johan­nesstift nicht Halt ge­macht. Die Mädchen trafen sich hier nun einmal im Monat zur Vollversammlung. Ihre Interessen wurden durch einen gewählten Heimrat vertre­ten. Alle wichtigen Themen und Probleme in der Gruppe wurden regelmäßig zwischen den Erzie­hern und den Mädchen besprochen, und nicht nur die Erzieher, sondern auch die Mädchen hat­ten ein Mitspracherecht bei der Einstel­lung von neuen Erziehern und bei der Aufnahme oder Ent­lassung von Jugend­lichen.110

Im Heim bestand bereits seit 1977 für Mäd­chen, die im normalen Schulbetrieb Schwierig­keiten hatten, die Möglichkeit, sich mit Hilfe eines Lehrers, später von zwei Lehrern, extern auf den Hauptschulabschluss vorzubereiten. 1982 er­wuchs daraus eine heimeigene Privatschule, die inzwischen staatlich anerkannt und nach Agnes Neuhaus, der Gründerin des Katholischen Fürsor­gevereins, benannt ist. Nach erfolgtem Umbau wurde diese kleinste Wiesbadener Schule im Jahr 1985 offiziell eingeweiht.

1981 verließen die letzten Hiltruper Schwes­tern das Johannesstift, da es ihnen an fachlich ausgebildetem Nachwuchs mangelte. Die Arbeit im Heim wurde nun aus­schließlich von welt­lichem Personal geleistet.


Festplakat und Einladung
(Bildnachweis: Johannesstift Wiesbaden)




Das Wiesbadener Jugendamt wies seit 1981 keine Kinder unter sechs Jahren mehr in das Heim ein, da diese in Pflegefamilien aufwachsen sollten. Der Schwer­punkt des Johannesstifts lag zunehmend auf der Betreuung von auszu­bilden­den Jugendlichen. Es wurden 25 Ausbildungs­plätze in den Berufen Koch/Köchin, Bäcker/-in, Schneiderin, Gärtner/-in, Hauswirtschafterin und Bürokaufmann/-frau angeboten, die auch Ju­gendlichen aus anderen Heimen offenstanden.


Tanzvorführung zum Jubiläum
(Bildnachweis: Johannesstift Wiesbaden)




Im Jahr 1982 konnten das Johannesstift und die SkF-Ortsgruppe in Anwesenheit von zahl­reichen Ehrengästen das 75-jährige Bestehen mit einem Tag der Offenen Tür feiern. Von der Stadt Wiesbaden wurde aus diesem Anlass die silberne Stadt­plakette verliehen.


Festvortrag von Dr. Monika Pankoke-Schenk, Generalsekretärin des SkF
(Bildnachweis: SkF Wiesbaden)




DirektorTull strebte an, das Johannesstift inner­halb kürzester Zeit vollständig um­zubauen und zu modernisieren. Hierfür fehlte dem Verein jedoch das Geld, so dass der Heimleiter seine Pläne nicht verwirklichen konnte. Nach seinem Weg­gang im Jahr 1983 leitete der SkF-Vorstand einen schritt­weisen Umbau in die Wege. Zur Finanzierung der notwendigen Maßnahmen verkaufte man einen Teil des unbebauten Geländes des Anwesens an der Platter Straße, auf dem sich der Sportplatz be­fand.


Abriss des Kinderheimes
(Bildnachweis: Johannesstift Wiesbaden)




Die Gesamtleitung des Heims wurde 1983 dem noch recht jungen bisherigen Erziehungsleiter Wolfgang Schmidt zunächst kommissarisch, später ganz übertragen. Ihm gelang es in den darauf folgenden Jahren, dem Johannesstift mit Hilfe eines Teams von weltlichen Fachkräften ein neues pädagogisches Profil zu geben und aus der Einrichtung ein zeitgemäßes, anerkanntes Ju­gend hilfe­zen­trum zu machen, das heute in Form einer GmbH geführt wird. Über das gegen­wärtige vielfältige Angebot an Hilfen und Ausbildungsgän­gen informiert der Beitrag von Wolfgang Schmidt in dieser Festschrift.

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Stand: 17.10.2011