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Vom Fürsorgeverein zum SkF – die Entwicklung des Vereins seit 1945 Nach dem Ende des „Dritten Reiches" musste die katholische Fürsorgearbeit für Mädchen, Frauen und Kinder in Wiesbaden neu aufgebaut werden, wobei man sich jedoch auf noch vorhandene solide Fundamente stützen konnte. Der Fürsorgeverein hatte trotz aller Schwierigkeiten während der gesamten Jahre der NS-Diktatur weiterbestanden. Auch das Johannesstift befand sich nach wie vor in seinem Besitz, und die Gebäude waren im Bombenkrieg nur leicht beschädigt worden. 1945 waren darin allerdings noch mehrere Krankenhausabteilungen einquartiert. Die Arbeit der Außenfürsorge war unter der nationalsozialistischen Herrschaft stark eingeschränkt und im Krieg dann fast vollständig zum Erliegen gekommen. Die desolaten Lebensverhältnisse der meisten Menschen nach Kriegsende, die Entwurzelung vieler Jugendlicher durch Flucht und den Verlust ihrer Familie, Hunger und Not, das dadurch bedingte Ansteigen von Kriminalität und Prostitution und nicht zuletzt die Gefahr, die von der zahlenmäßig starken Präsenz von US-amerikanischen Besatzungstruppen für die hungernden und lebenshungrigen Mädchen in Wiesbaden ausging, stellten nun neue, drängende Herausforderungen für den Fürsorgeverein dar.
Die Vorsitzende des Fürsorgevereins, Magdalena Neuroth, war ausgebombt und wohnte deshalb jetzt bei ihren beiden Schwestern in Camberg im Taunus. Einmal wöchentlich kam sie jedoch trotz der schwierigen Verkehrsverhältnisse jener Zeit nach Wiesbaden, um Behördengänge zu machen.77 Der inzwischen 73-Jährigen kam zugute, dass sie von 1919 bis 1933 Stadtverordnete in Wiesbaden gewesen war. Sie besaß noch viele Kontakte und fand bei den Behörden meist ein offenes Ohr, wenn sie Unterstützung bei der Reaktivierung des Fürsorgevereins benötigte. Die stationäre Betreuung von Kindern, Fürsorgezöglingen und ledigen Müttern im Johannesstift konnte durch die in Wiesbaden verbliebenen Hiltruper Schwestern, die während des Krieges Pflegedienste für die Krankenanstalten geleistet hatten, bereits ab Sommer 1945 schrittweise wieder aufgenommen werden. Schwieriger war es dagegen, die offene Fürsorgearbeit neu zu beleben und auch den Verein selbst wieder arbeitsfähig zu machen. Die Militärregierung hatte im Zuge der Entnazifizierung im Frühjahr 1945 zunächst einmal alle Organisationen für aufgelöst erklärt, und es musste ein Antrag auf Wiederzulassung gestellt werden. Allerdings war nicht einmal klar, ob der Fürsorgeverein selbständig weiterbestehen würde. Offenbar existierten die alten Vorbehalte gegen den Frauenverein noch immer, und der Caritasverband hätte die Fürsorgearbeit am liebsten ganz in seine Regie übernommen. Am 15. Mai 1946 wurde dann in einer Besprechung in Limburg, an welcher der Geistliche Rat Lamay und Diözesan-Caritasdirektor Seidenather sowie von der Dortmunder Zentrale Elisabeth Zillken und Dr. Elsa Thomas (letztere gehörte zu diesem Zeitpunkt noch dem Vorstand des Wiesbadener Fürsorgevereins an) teilnahmen, jedoch festgelegt: „Der Fürsorgeverein ist und bleibt selbständige Fachorganisation des CV und arbeitet unter eigenem Namen."78 Es ist zu vermuten, dass die beiden kampferprobten hauptamtlichen Mitarbeiterinnen aus Dortmund einige Überzeugungsarbeit in Limburg leisten mussten, doch schließlich hatten sie Erfolg. Mit Schreiben des Hessischen Staatsministers für Arbeit und Wohlfahrt vom 21. Januar 1947 wurde schließlich die Wiederzulassung des längst wieder aktiven Vereins offiziell bestätigt. Im Lauf des Jahres 1946 war es der Vorsitzenden gelungen, einige neue aktive Mitglieder zu werben. Bei einer Mitgliederversammlung im Oktober 1946 wurden Magdalena Neuroth und Doris von Spiessen wieder in den Vorstand gewählt; neu hinzu kam Thea Schönberger. Dr. Elsa Thomas sah ihre Aufgabe als erfüllt an und zog sich nun ganz aus dem Wiesbadener Vorstand zurück. In der Folgezeit übernahm Dr. Ilse Hoffmann von der Zentrale die Betreuung der Fürsorgevereine in Hessen. Die inzwischen 75-jährige Magdalena Neuroth war aufgrund ihres schlechten Gesundheitszustandes zunehmend weniger in der Lage, die anfallende Arbeit zu bewältigen, zumal sie noch immer keine neue Wohnung in Wiesbaden gefunden hatte. Es fiel ihr jedoch sehr schwer, das Amt der Vorsitzenden aufzugeben, und erst 1949 kam es zu einem Wechsel.80 Magdalena Neuroth fühlte sich dem Johannesstift auch danach eng verbunden und verbrachte ihre letzten Lebensjahre ab 1953 auch dort im Heim. Sie starb am 4. Mai 1957 im Alter von 86 Jahren. Auf einer Mitgliederversammlung Anfang Mai 1949 wurden Margarete Simon, Doris von Spiessen und Thea Schönberger in den Vorstand gewählt. Frau Simon trug die Verantwortung für den Verein als Erste Vorsitzende bis 1963 und gehörte dem Vorstand danach noch bis 1970 an. 1963 übernahm Brigitte Martinius den Vorsitz für sieben Jahre. Sie hatte bereits vorher jahrelang im Vorstand mitgearbeitet, besaß selbst eine Fürsorgerinnenausbildung und war in Zeiten von personellen Engpässen wiederholt in der Außenfürsorge eingesprungen. In ihre Amtszeit fiel die Änderung des traditionellen Namens „Katholischer Fürsorgeverein für Mädchen, Frauen und Kinder e.V." in „Sozialdienst katholischer Frauen e.V.", die nach Umbenennung des Zentralvereins auch in Wiesbaden am 27. November 1968 vollzogen wurde.81 Sie stellte eine Zäsur in der Vereinsgeschichte dar, mit der auch eine programmatische Aussage zur zukünftigen Arbeit gemacht wurde. Zu dieser Zeit befand sich die gesamte Heimpädagogik und Jugendsozialarbeit in Deutschland in einem inhaltlichen Umbruch, in der auch die katholischen Einrichtungen die Formen ihrer Heimerziehung überdenken und neu gestalten mussten. In dieser schwierigen Phase der siebziger Jahre trug zunächst die Rechtsanwältin Dr. Margarete Benner-Wihlidal vier Jahre lang die Hauptverantwortung für den Wiesbadener Fürsorgeverein. Ihr folgte 1974 Ellinor Gruß82 nach. Sie war erst wenige Jahre zuvor mit ihrer Familie nach Wiesbaden zugezogen und hatte hier 1973 eine Stelle als Sozialarbeiterin im Bereich pflegerische Dienste beim Caritasverband angenommen. Ihr Büro befand sich im Roncalli-Haus. Durch den Kontakt zu den SkF-Kolleginnen, die damals ihr Beratungsbüro ebenfalls noch in der Friedrichstraße hatten, wurde Ellinor Gruß für die Mitarbeit in der Wiesbadener SkF-Ortsgruppe gewonnen. Sie wurde 1974 in den Vorstand gewählt, und die bereits amtierenden Vorstandsfrauen Inge Brüne und Charlotte Reif übertrugen ihr das Amt der Ersten Vorsitzenden, das sie dann mit großem Engagement bis 1988 ausübte. Sie lenkte und begleitete den Verein und das Heim während der Phase der grundlegenden Umstrukturierung zu einem modernen Jugendhilfezentrum mit ausschließlich weltlichem Personal.
Als sie die neue Aufgabe übernahm, drückten den Verein ernste finanzielle und personelle Sorgen. Die Schwestern im Johannesstift konnten die Aufgaben aufgrund ihres hohen Alters und zum Teil mangels der erforderlichen pädagogischen Qualifikationen nicht mehr alleine bewältigen, und dem Mutterhaus fehlte es an Nachwuchs. Andererseits hingen die älteren Schwestern am Johannesstift, wo sie seit 1937 gewirkt hatten, und wehrten sich dagegen, es zu verlassen. Zunehmend mussten jedoch weltliche Fachkräfte eingestellt werden, und 1977 setzte der Vorstand erstmals einen männlichen Heimleiter ein. Die finanziellen Probleme waren vor allem verursacht durch die notwendige Modernisierung des Heims und die Reduzierung der Plätze zugunsten eines zeitgemäßen pädagogischen Konzepts, durch die mangelnde Auslastung des Heims während der Umstrukturierungs- und Umbauphase sowie durch die Verpflichtung zur Einzahlung von Sozialbeiträgen für die wachsende Zahl von weltlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in die Kirchliche Zusatzversorgungskasse. Die Lage schien im Herbst 1977 so aussichtslos, dass man für einen Moment sogar als Lösung in Erwägung zog, den SkF-Ortsverein dem Caritasverband anzuschließen. In einem fünfstündigen Krisengespräch mit Vertreterinnen der Zentrale entschied man sich jedoch dagegen. Es wurde vielmehr beschlossen, zur Unterstützung des Vorstands ein Kuratorium für das Heim zu bilden.83 Im Februar 1978 konstituierte sich das Kuratorium, das nur beratende Funktion besaß. Ihm gehörten neben den drei Vorstandsmitgliedern der SkF-Ortsgruppe der Stadtdekan, der geistliche Beirat des Johannesstifts, der Caritasdirektor, eine Vertreterin der Dortmunder SkF-Zentrale, die Ordensleiterin der Hiltruper Missionsschwestern, ein Mitarbeiter der Katholischen Heimberatung, ein Rechtsanwalt und Notar, ein Architekt, ein Vertreter der Dresdner Bank, der Heimleiter, die Oberin des Johannesstifts, die Heimpsychologin und die Verwaltungsleiterin an.84 In den Sitzungen des Kuratoriums wurden neben dem zukünftigen pädagogischen Konzept vor allem Fragen des dringend notwendigen Umbaus des Johannesstifts diskutiert. Die vorgeschlagenen Lösungen schienen jedoch nicht finanzierbar. Schließlich gelang es dem SkF-Vorstand, durch den Verkauf eines Teils seines Grundstücks auf einen Schlag alle Schulden loszuwerden und die schrittweise Modernisierung der Gebäude in die Wege zu leiten. Ellinor Gruß erinnert sich an die Veränderungen und Schwierigkeiten dieser Zeit:85 „Also, das schlimmste Ereignis, das ich erlebt habe, war der Weggang der Schwestern. Es war so, dass die Generaloberin keinen Nachwuchs mehr hatte und erst recht keinen schickte. Wir brauchten aber Arbeitskräfte! Und die Schwestern wollten keine weltlichen Kräfte neben sich dulden! Ich bin zweimal nach Paffrath gefahren, dort war das Mutterhaus der Hiltruper Schwestern, und habe versucht, Schwester Elrita - eine energische Führungspersönlichkeit - zu überzeugen, dass die Schwestern doch eine wichtige Funktion in unserem Haus erfüllten. Aber sie hat sinngemäß gesagt, ihr seien ihre Schwestern zu schade für diese „verdorbenen Mädchen". Sie wollte also die Schwestern nicht mehr freigeben für diese Art Tätigkeit. Die Wurzel allen Übels war natürlich: sie hatte nicht genug Nachwuchs. Einige treue Schwestern blieben bis über ihre Pensionierung hinaus, die waren schon 70, wie Schwester Dorothee, die die Finanzen machte. Sie hat die Bücher äußerst korrekt, aber noch in Sütterlinschrift geführt! ... Die älteren Schwestern wollten nicht weggehen, die hingen an dem Johannesstift. Das war ja an sich ein wunderschönes Arbeitsterrain. Wir hatten die herrliche Kapelle ... Doch nach und nach sind sie eben alle gegangen ... Aber jetzt kam das Geldproblem! Jetzt mussten beruflich ausgebildete Sozialarbeiterinnen eingestellt werden, und das belastete den Etat kolossal. ... Es war auch schwierig, aus großen Schlafsälen lauter kleine Appartements zu machen. Das waren ja früher riesige Schlafsäle! Da waren sie (die Schwestern) sogar stolz drauf! Da waren lauter kleine Bettchen drin, ich weiß gar nicht, wie viele ... Dieses Gebäude wurde dann unter meiner Ägide abgerissen. ..." Zu den Umbauplänen von Heimleiter Tull für das Johannesstift meint sie rückblickend: „Wir fühlten uns hochgeehrt, dass Herr Tull die Heimleitung übernehmen wollte. Und das lief auch sehr gut, er hatte brilliante Ideen. ... Wir, Herr Tull und ich, sind damals nach Limburg gefahren und haben unsere Pläne, die schon vom Architekten gezeichnet waren, dort vorgestellt. Und die haben uns nach Hause geschickt und haben gesagt: ,Das ist doch viel zu teuer, da geben wir unsere Zustimmung nicht.' Damit waren seine Pläne geplatzt." Zur weiteren Entwicklung nach dem Weggang von Simon Tull meint Frau Gruß: „Ich glaube, ich kann sagen, dass ich dann beim Umbau des Hauses eine glückliche Hand hatte. Ich habe ein Grundstück verkauft, das war eigentlich der Sportplatz. Aber die jungen Mädchen brauchten keinen Fußballplatz, sie haben ihn nicht genutzt. Das war ein ziemlich großes und totes Gelände, das sich an den Garten des Johannesstiftes anschloss. Und das habe ich, mit Einverständnis vieler anderer, verkaufen können. Und ich habe den Käufern zur Auflage gemacht, dass sie gleichzeitig das uralte altmodische Kinderheim mit den großen Schlafsälen, das da so mitten in der Landschaft prangte, auf ihre Kosten abreißen lassen mussten. Und das haben sie getan. Da, wo heute so ein grüner Hügel ist und der Zaun, da stand das alte Kinderhaus. Durch diesen Verkauf haben wir Geld bekommen für den Umbau der übrigen Gebäude. Das war praktisch wie bei Münchhausen, der sich selber aus dem Sumpf zieht..." Während ihres vierzehnjährigen Wirkens als Erste Vorsitzende stellte Ellinor Gruß wichtige Weichen für die zukünftige Entwicklung des Johannestifts und des SkF Wiesbaden. Im November 1989 wurde sie in Anerkennung ihrer Verdienste mit der Agnes-Neuhaus-Plakette des SkF ausgezeichnet; 2001 wurde ihr die Bürgermedaille der Landeshauptstadt Wiesbaden verliehen. Im Dezember 1988 übernahm die Juristin Erika Nehrkorn, die bereits seit 1979 als Zweite Vorsitzende im Vorstand arbeitete, das Amt der Ersten Vorsitzenden. Ellinor Gruß blieb neben Gertrud Mainka bis 1992 im Vorstand und wurde durch die Juristin und Volkswirtin Dr.Dr. Ida Ingwersen abgelöst, die leider 1996 schwer erkrankte und deswegen ihr Amt aufgeben musste. Ende 1996 wurden die Ärztin Dr. Ingrid Abel und die Fachärztin für Kinderheilkunde und Jugendmedizin Dorothea Gruß anstelle von Gertrud Mainka und Dr.Dr. Ida Ingwersen in den Vorstand gewählt. Der jetzt amtierende Vorstand - Erika Nehrkorn, Dr. Ingrid Abel und Dorothea Gruß - arbeitet bereits seit 1996 zusammen. In der Zeit von 2001 bis 2005 fungierte Dr. Ingrid Abel als Erste Vorsitzende. Seither bekleidet Erika Nehrkorn wieder diese Position. Die Kontinuität im Vorstand und die entsprechende Erfahrung, die die jeweiligen Vorsitzenden einbrachten, halfen dem Verein, alle Umbrüche und neuen Herausforderungen zu meistern, die Arbeit dennoch im Sinne der Satzungsziele fortzuführen und immer wieder an geänderte Bedürfnisse der Gesellschaft anzupassen. So wurden in den vergangenen Jahrzehnten viele Projekte auf den Weg gebracht. Eine grundlegende Veränderung in der Struktur der Trägerschaft des Vereins für das Jugendhilfezentrum Johannesstift wurde im Jahr 1992 vollzogen. Das Johannesstift wurde in eine andere Trägergesellschaft, die „Wiesbadener Jugendhilfegesellschaft mbH", überführt. Gesellschafter dieser ersten gemeinnützigen GmbH in der Region waren der SkF e.V. Wiesbaden und der Caritasverband Wiesbaden e.V. Letzterer brachte seine beiden Jugendhilfeeinrichtungen, das Maria-Goretti-Heim und das Antoniusheim, in die GmbH ein. Nach mehreren Jahren trennten sich die Partner wieder. Seit dem 17. August 2001 führt der SkF die Gesellschaft unter der Bezeichnung „Jugendhilfezentrum Johannesstift GmbH" als Alleingesellschafter weiter. Die GmbH und der Verein mit seiner Beratungsstelle stehen heute auf einer stabilen finanziellen und konzeptionellen Grundlage, so dass der SkF-Vorstand voller Zuversicht in das beginnende neue Jahrhundert der Vereinsgeschichte blicken kann.
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© 2004 - 2012 Sozialdienst katholischer Frauen
Wiesbaden
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