100 Jahre
Johannesstift Wiesbaden
Sozialdienst katholischer Frauen

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Vom Fürsorgeverein zum SkF – die Entwicklung des Vereins seit 1945

Nach dem Ende des „Dritten Reiches" musste die katholische Fürsorgearbeit für Mädchen, Frauen und Kinder in Wiesbaden neu aufgebaut werden, wobei man sich jedoch auf noch vorhandene so­lide Fundamente stützen konnte. Der Für­sorge­verein hatte trotz aller Schwierigkeiten während der gesamten Jahre der NS-Diktatur weiterbestan­den. Auch das Johannesstift befand sich nach wie vor in seinem Besitz, und die Gebäude waren im Bombenkrieg nur leicht beschädigt worden. 1945 waren darin allerdings noch mehrere Kranken­hausabteilungen einquartiert. Die Arbeit der Au­ßenfürsorge war unter der nationalsozialistischen Herrschaft stark eingeschränkt und im Krieg dann fast vollständig zum Erliegen gekommen. Die desolaten Lebensverhältnisse der meisten Men­schen nach Kriegsende, die Entwurzelung vieler Jugendlicher durch Flucht und den Verlust ihrer Familie, Hunger und Not, das dadurch bedingte Ansteigen von Kriminalität und Prostitution und nicht zuletzt die Gefahr, die von der zahlenmäßig starken Präsenz von US-amerikanischen Besat­zungstruppen für die hungernden und lebens­hungrigen Mädchen in Wiesbaden ausging, stell­ten nun neue, drängende Herausforderungen für den Fürsorgeverein dar.


Offizielle Wiederzulassung vom 21. Januar 1947
(Bildnachweis: SkF Wiesbaden)




Die Vorsitzende des Fürsorgevereins, Magda­lena Neuroth, war ausgebombt und wohnte des­halb jetzt bei ihren beiden Schwestern in Camberg im Taunus. Einmal wöchentlich kam sie je­doch trotz der schwierigen Verkehrsverhältnisse jener Zeit nach Wiesbaden, um Behördengänge zu machen.77 Der inzwischen 73-Jährigen kam zugute, dass sie von 1919 bis 1933 Stadtverord­nete in Wiesbaden gewesen war. Sie besaß noch viele Kontakte und fand bei den Behörden meist ein offenes Ohr, wenn sie Unterstützung bei der Reaktivierung des Fürsorgevereins benötigte.

Die stationäre Betreuung von Kindern, Fürsor­gezöglingen und ledigen Müttern im Johannes­stift konnte durch die in Wiesbaden verbliebenen Hiltruper Schwestern, die während des Krieges Pflegedienste für die Krankenanstalten geleistet hatten, bereits ab Sommer 1945 schrittweise wieder aufgenommen werden. Schwieriger war es dagegen, die offene Fürsorgearbeit neu zu be­leben und auch den Verein selbst wieder arbeits­fähig zu machen.

Die Militärregierung hatte im Zuge der Ent­nazifizierung im Frühjahr 1945 zunächst einmal alle Organisationen für aufgelöst erklärt, und es musste ein Antrag auf Wieder­zulassung gestellt werden. Allerdings war nicht einmal klar, ob der Für­sorge­verein selbständig weiterbestehen würde. Offenbar existierten die alten Vorbe­halte gegen den Frauenverein noch immer, und der Caritasverband hätte die Fürsorgearbeit am liebs­ten ganz in seine Regie übernommen. Am 15. Mai 1946 wurde dann in einer Besprechung in Limburg, an welcher der Geistliche Rat Lamay und Diözesan-Caritasdirektor Seidenather sowie von der Dortmunder Zentrale Elisabeth Zillken und Dr. Elsa Thomas (letztere gehörte zu diesem Zeit­punkt noch dem Vorstand des Wiesbadener Fürsorgevereins an) teilnahmen, jedoch festge­legt:

Der Fürsorgeverein ist und bleibt selbstän­dige Fachorganisation des CV und arbeitet unter eigenem Namen."78 Es ist zu vermuten, dass die beiden kampfer­probten hauptamtlichen Mitarbei­terinnen aus Dortmund einige Überzeugungsar­beit in Limburg leisten mussten, doch schließlich hatten sie Erfolg.

Mit Schreiben des Hessischen Staatsminis­ters für Arbeit und Wohlfahrt vom 21. Januar 1947 wurde schließlich die Wiederzulassung des längst wieder aktiven Vereins offiziell bestätigt.

Im Lauf des Jahres 1946 war es der Vorsit­zenden gelungen, einige neue aktive Mitglieder zu werben. Bei einer Mitgliederversammlung im Oktober 1946 wurden Magdalena Neuroth und Doris von Spiessen wieder in den Vorstand ge­wählt; neu hinzu kam Thea Schönberger. Dr. Elsa Thomas sah ihre Aufgabe als erfüllt an und zog sich nun ganz aus dem Wiesbadener Vorstand zurück. In der Folgezeit übernahm Dr. Ilse Hoff­mann von der Zentrale die Betreuung der Fürsor­gevereine in Hessen.

Die inzwischen 75-jährige Magdalena Neu­roth war aufgrund ihres schlechten Gesundheits­zustandes zunehmend weniger in der Lage, die anfallende Arbeit zu bewältigen, zumal sie noch immer keine neue Wohnung in Wiesbaden ge­funden hatte. Es fiel ihr jedoch sehr schwer, das Amt der Vorsitzenden aufzugeben, und erst 1949 kam es zu einem Wechsel.80 Magdalena Neuroth fühlte sich dem Johannesstift auch danach eng verbunden und verbrachte ihre letzten Lebens­jahre ab 1953 auch dort im Heim. Sie starb am 4. Mai 1957 im Alter von 86 Jahren.

Auf einer Mitgliederversammlung Anfang Mai 1949 wurden Margarete Simon, Doris von Spies­sen und Thea Schönberger in den Vorstand ge­wählt. Frau Simon trug die Verantwortung für den Verein als Erste Vorsitzende bis 1963 und gehörte dem Vorstand danach noch bis 1970 an. 1963 übernahm Brigitte Martinius den Vorsitz für sieben Jahre. Sie hatte bereits vorher jahre­lang im Vorstand mitgearbeitet, besaß selbst eine Fürsorgerinnenausbildung und war in Zeiten von personellen Engpässen wiederholt in der Außen­fürsorge eingesprungen.

In ihre Amtszeit fiel die Änderung des traditio­nellen Namens „Katholischer Für­sorgeverein für Mädchen, Frauen und Kinder e.V." in „Sozialdienst katholischer Frauen e.V.", die nach Umbenennung des Zentralvereins auch in Wiesbaden am 27. No­vember 1968 vollzogen wurde.81 Sie stellte eine Zäsur in der Vereinsge­schichte dar, mit der auch eine programmatische Aussage zur zukünftigen Arbeit gemacht wurde.

Zu dieser Zeit befand sich die gesamte Heim­pädagogik und Jugendsozialarbeit in Deutsch­land in einem inhaltlichen Umbruch, in der auch die katholischen Ein­richtungen die Formen ihrer Heimerziehung überdenken und neu gestalten mussten.

In dieser schwierigen Phase der siebziger Jahre trug zunächst die Rechtsanwältin Dr. Margarete Benner-Wihlidal vier Jahre lang die Hauptverant­wortung für den Wiesbadener Fürsorgeverein. Ihr folgte 1974 Ellinor Gruß82 nach. Sie war erst we­nige Jahre zuvor mit ihrer Familie nach Wiesbaden zugezogen und hatte hier 1973 eine Stelle als Sozialarbeiterin im Bereich pflegerische Dienste beim Caritas­verband angenommen. Ihr Büro be­fand sich im Roncalli-Haus. Durch den Kontakt zu den SkF-Kolleginnen, die damals ihr Beratungs­büro ebenfalls noch in der Friedrichstraße hatten, wurde Ellinor Gruß für die Mitarbeit in der Wies­badener SkF-Ortsgruppe gewonnen. Sie wurde 1974 in den Vorstand gewählt, und die bereits amtierenden Vorstandsfrauen Inge Brüne und Charlotte Reif übertrugen ihr das Amt der Ersten Vorsitzenden, das sie dann mit großem Engage­ment bis 1988 ausübte. Sie lenkte und begleitete den Verein und das Heim während der Phase der grundlegenden Umstrukturierung zu einem mo­dernen Jugendhilfezentrum mit ausschließlich weltlichem Personal.


Ellinor Gruß (Aufnahme 2004)
(Bildnachweis: Familie Gruß)




Als sie die neue Aufgabe übernahm, drückten den Verein ernste finanzielle und personelle Sor­gen. Die Schwestern im Johannesstift konnten die Aufgaben auf­grund ihres hohen Alters und zum Teil mangels der erforderlichen pädago­gischen Qualifikationen nicht mehr alleine bewältigen, und dem Mutterhaus fehlte es an Nachwuchs. Andererseits hingen die älteren Schwestern am Johannesstift, wo sie seit 1937 gewirkt hatten, und wehrten sich dagegen, es zu verlassen. Zunehmend mussten jedoch weltliche Fachkräfte eingestellt werden, und 1977 setzte der Vorstand erstmals einen männlichen Heimleiter ein.

Die finanziellen Probleme waren vor allem verursacht durch die notwendige Moder­nisie­rung des Heims und die Reduzierung der Plätze zugunsten eines zeitgemäßen pädagogischen Konzepts, durch die mangelnde Auslastung des Heims während der Umstrukturierungs- und Um­bauphase sowie durch die Ver­pflichtung zur Ein­zahlung von Sozialbeiträgen für die wachsende Zahl von welt­lichen Mitarbeiterinnen und Mitar­beitern in die Kirchliche Zusatzversorgungskasse.

Die Lage schien im Herbst 1977 so aussichts­los, dass man für einen Moment sogar als Lösung in Erwägung zog, den SkF-Ortsverein dem Caritas­verband anzuschließen. In einem fünfstündigen Krisengespräch mit Vertreterinnen der Zentrale entschied man sich jedoch dagegen. Es wurde vielmehr beschlossen, zur Unterstützung des Vor­stands ein Kuratorium für das Heim zu bilden.83

Im Februar 1978 konstituierte sich das Kura­torium, das nur beratende Funktion besaß. Ihm gehörten neben den drei Vorstandsmitgliedern der SkF-Ortsgruppe der Stadtdekan, der geistli­che Beirat des Johannesstifts, der Caritasdirektor, eine Vertreterin der Dortmunder SkF-Zentrale, die Ordensleiterin der Hiltruper Missions­schwestern, ein Mitarbeiter der Katholischen Heimberatung, ein Rechtsanwalt und Notar, ein Architekt, ein Vertreter der Dresdner Bank, der Heimleiter, die Oberin des Johannesstifts, die Heimpsychologin und die Verwaltungsleiterin an.84 In den Sitzungen des Kuratoriums wurden neben dem zukünftigen pädagogischen Konzept vor allem Fragen des dringend notwendigen Umbaus des Johannes­stifts diskutiert. Die vorgeschlagenen Lösungen schienen jedoch nicht finanzierbar.

Schließlich gelang es dem SkF-Vorstand, durch den Verkauf eines Teils seines Grundstücks auf einen Schlag alle Schulden loszuwerden und die schrittweise Modernisierung der Gebäude in die Wege zu leiten. Ellinor Gruß erinnert sich an die Veränderungen und Schwierigkeiten dieser Zeit:85

Also, das schlimmste Ereignis, das ich erlebt habe, war der Weggang der Schwestern. Es war so, dass die Generaloberin keinen Nachwuchs mehr hatte und erst recht keinen schickte. Wir brauchten aber Arbeitskräfte! Und die Schwes­tern wollten keine weltlichen Kräfte neben sich dulden! Ich bin zweimal nach Paffrath gefahren, dort war das Mutterhaus der Hiltruper Schwes­tern, und habe versucht, Schwester Elrita - eine energische Führungspersönlichkeit - zu über­zeugen, dass die Schwestern doch eine wichtige Funktion in unserem Haus erfüllten. Aber sie hat sinngemäß gesagt, ihr seien ihre Schwestern zu schade für diese „verdorbenen Mädchen". Sie wollte also die Schwestern nicht mehr frei­geben für diese Art Tätigkeit. Die Wurzel allen Übels war natürlich: sie hatte nicht genug Nachwuchs. Einige treue Schwestern blieben bis über ihre Pensionierung hinaus, die waren schon 70, wie Schwester Dorothee, die die Finanzen machte. Sie hat die Bücher äußerst korrekt, aber noch in Sütterlinschrift geführt! ... Die älteren Schwestern wollten nicht weggehen, die hingen an dem Johannesstift. Das war ja an sich ein wunder­schönes Arbeitsterrain. Wir hatten die herrliche Kapelle ... Doch nach und nach sind sie eben alle gegangen ...

Aber jetzt kam das Geldproblem! Jetzt mussten beruflich ausgebildete Sozialar­beiterinnen eingestellt werden, und das belastete den Etat kolossal. ...

Es war auch schwierig, aus großen Schlafsälen lauter kleine Appartements zu machen. Das waren ja früher riesige Schlafsäle! Da waren sie (die Schwestern) sogar stolz drauf! Da waren lauter kleine Bettchen drin, ich weiß gar nicht, wie viele ... Dieses Gebäude wurde dann unter meiner Ägide abgerissen. ..."

Zu den Umbauplänen von Heimleiter Tull für das Johannesstift meint sie rück­blickend:

Wir fühlten uns hochgeehrt, dass Herr Tull die Heimleitung übernehmen wollte. Und das lief auch sehr gut, er hatte brilliante Ideen. ... Wir, Herr Tull und ich, sind damals nach Limburg gefahren und haben unsere Pläne, die schon vom Archi­tekten gezeichnet waren, dort vorge­stellt. Und die haben uns nach Hause geschickt und haben gesagt: ,Das ist doch viel zu teuer, da geben wir unsere Zustimmung nicht.' Damit waren seine Pläne geplatzt."

Zur weiteren Entwicklung nach dem Weggang von Simon Tull meint Frau Gruß:

Ich glaube, ich kann sagen, dass ich dann beim Umbau des Hauses eine glück­liche Hand hatte. Ich habe ein Grundstück verkauft, das war eigentlich der Sportplatz. Aber die jungen Mäd­chen brauchten keinen Fußballplatz, sie haben ihn nicht genutzt. Das war ein ziemlich großes und totes Gelände, das sich an den Garten des Johannesstiftes anschloss. Und das habe ich, mit Einver­ständnis vieler anderer, verkaufen können. Und ich habe den Käufern zur Auflage gemacht, dass sie gleichzeitig das uralte altmodische Kin­derheim mit den großen Schlafsälen, das da so mitten in der Landschaft prangte, auf ihre Kos­ten abreißen lassen mussten. Und das haben sie getan. Da, wo heute so ein grüner Hügel ist und der Zaun, da stand das alte Kinderhaus. Durch diesen Verkauf haben wir Geld bekommen für den Umbau der übrigen Gebäude. Das war praktisch wie bei Münchhausen, der sich selber aus dem Sumpf zieht..."

Während ihres vierzehnjährigen Wirkens als Erste Vorsitzende stellte Ellinor Gruß wichtige Wei­chen für die zukünftige Entwicklung des Johan­nestifts und des SkF Wiesbaden. Im November 1989 wurde sie in Anerkennung ihrer Verdienste mit der Agnes-Neuhaus-Plakette des SkF ausge­zeichnet; 2001 wurde ihr die Bürgermedaille der Landeshauptstadt Wiesbaden verliehen.

Im Dezember 1988 übernahm die Juristin Erika Nehrkorn, die bereits seit 1979 als Zweite Vorsit­zende im Vorstand arbeitete, das Amt der Ersten Vorsitzenden. Ellinor Gruß blieb neben Gertrud Mainka bis 1992 im Vorstand und wurde durch die Juristin und Volkswirtin Dr.Dr. Ida Ingwersen abgelöst, die leider 1996 schwer erkrankte und deswegen ihr Amt aufgeben musste. Ende 1996 wurden die Ärztin Dr. Ingrid Abel und die Fachärz­tin für Kinderheilkunde und Jugendmedizin Do­ro­thea Gruß anstelle von Gertrud Mainka und Dr.Dr. Ida Ingwersen in den Vorstand gewählt.

Der jetzt amtierende Vorstand - Erika Nehrkorn, Dr. Ingrid Abel und Dorothea Gruß - arbei­tet bereits seit 1996 zusammen. In der Zeit von 2001 bis 2005 fungierte Dr. Ingrid Abel als Erste Vorsitzende. Seither bekleidet Erika Nehrkorn wie­der diese Position.

Die Kontinuität im Vorstand und die entspre­chende Erfahrung, die die jeweiligen Vorsitzen­den einbrachten, halfen dem Verein, alle Umbrü­che und neuen Heraus­forderungen zu meistern, die Arbeit dennoch im Sinne der Satzungsziele fortzu­führen und immer wieder an geänderte Be­dürfnisse der Gesellschaft anzupassen. So wur­den in den vergangenen Jahrzehnten viele Pro­jekte auf den Weg gebracht.

Eine grundlegende Veränderung in der Struk­tur der Trägerschaft des Vereins für das Jugendhil­fezentrum Johannesstift wurde im Jahr 1992 voll­zogen. Das Johan­nes­stift wurde in eine andere Trägergesellschaft, die „Wiesbadener Jugend­hilfe­gesellschaft mbH", überführt. Gesellschafter die­ser ersten gemein­nützigen GmbH in der Region waren der SkF e.V. Wiesbaden und der Caritasver­band Wiesbaden e.V. Letzterer brachte seine bei­den Jugendhilfeeinrichtungen, das Maria-Goretti-Heim und das Antoniusheim, in die GmbH ein. Nach mehreren Jahren trennten sich die Partner wieder. Seit dem 17. August 2001 führt der SkF die Gesellschaft unter der Bezeichnung „Jugendhilfezentrum Johannesstift GmbH" als Alleinge­sellschafter weiter. Die GmbH und der Verein mit seiner Beratungsstelle stehen heute auf einer stabilen finanziellen und konzeptionellen Grund­lage, so dass der SkF-Vorstand voller Zuversicht in das beginnende neue Jahrhundert der Vereins­ge­schichte blicken kann.

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