100 Jahre
Johannesstift Wiesbaden
Sozialdienst katholischer Frauen

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Der Fürsorgeverein und das Johannesstift von 1937 bis zum Kriegsende

Wie ernst die Krise im Wiesbadener Fürsorge­verein 1937 war, lässt sich an den Ereignissen bei der Mitgliederversammlung vom 5. Juli ab­lesen. Der Vorstand sah keine Möglichkeit mehr, die finanziellen Probleme in den Griff zu bekom­men, und trat zurück. Die Mitgliederversammlung erwog den Verkauf des Johannesstifts. Zur Lösung der Krise hatte der Zentralverein aus Dortmund gleich zwei erfahrene Mitarbeiterinnen, Dr. Elsa Thomas55 und Emmy Hopmann56, nach Wies­baden entsandt. Sie ließen sich in den Vorstand wählen; Dr. Elsa Thomas übernahm die Funktion der Ersten Vorsitzenden. Von den Wiesbadener Frauen stellte sich nur die bisherige stellvertre­tende Vorsitzende Else Lindpaintner zur Wieder­wahl.57

Dr. Elsa Thomas ging sofort daran, die Über­gabe des Johannesstifts an die neuen Schwes­tern vorzubereiten. Die größte Sorge bereitete die Beschaffung von Pflege­personal für das Säuglings- und Kinderheim für die Übergangs­zeit. Denn nicht nur die Augustinerinnen selbst wollten zum 15. Juli 1937 das Johannesstift ver­lassen, sondern sie wollten auch alle Schwestern­schülerinnen nach Köln an ihre dortige Schule mitnehmen. Im Heim befanden sich zu diesem Zeitpunkt neben 16 jugendlichen und erwachse­nen „Bewahrungsschützlingen" 71 Säuglinge und Kleinkinder, die versorgt werden mussten.58 Vorübergehend war es daher nötig, bezahlte Pflege­rinnen einzustellen.

Am 14. Juli 1937 trafen die ersten vier Hiltru-per Schwestern ein. Sie wurden von den abreise­bereiten Augustinerinnen sehr kühl empfangen. In den folgenden Tagen kamen sechs weitere Hiltruper Schwestern sowie die Oberin, Schwes­ter Chantal, in Wiesbaden an. Da alle Kinderpfle­geschülerinnen fehlten, mussten zunächst alle Schwestern im Säuglingsheim arbeiten, das mit fast 70 Kindern belegt war. Unterstützung erhiel­ten sie von einer Mitarbeiterin des Monikaheims in Frankfurt sowie von zwei Frauen, die die Zen­trale des Fürsorgevereins in Dort­mund geschickt hatte. Auch Dr. Elsa Thomas und Emmi Hopmann vom Vorstand packten in den ersten Tagen selbst mit an. Zu ihrem Schrecken hatten die Schwes­tern nach ihrer Ankunft festgestellt, dass die Vor­ratskammern des Johan­nesstifts leer waren. So mussten auch in aller Eile die notwendigsten Le­bens­mittel beschafft werden.59

Gleichzeitig versuchte Dr. Elsa Thomas, ein Konzept für die Weiterführung und finanzielle Ge­sundung des Johannesstifts zu entwickeln. Den jährlichen Ein­nahmen an Pflegegeldern für die Säuglinge und Kleinkinder (25 Mark pro Monat und Kind) von rund 21.600 Mark standen da­mals feste Ausgaben von rund 38.200 Mark ge­genüber, was einen Fehlbetrag von ca. 16.600 Mark pro Jahr bedeutete.60

Dr. Elsa Thomas vertrat die Auffassung (und man darf davon ausgehen, dass dies mit Rücken­deckung durch die Dortmunder Zentrale geschah, die ein funk­tionie­rendes katholisches Haus in der „Diaspora" nicht aufgeben wollte), dass das Heim in dem wertvollen, gepflegten Anwesen in der Platter Straße zu retten war. Dazu schlug sie folgende Maßnahmen vor:

1. Die Entbindungsstation sollte wieder, wie frü­her, nicht nur für die Heimschützlinge, sondern auch für andere Wiesbadener Frauen zur Ver­fügung stehen;
2. das Zufluchtshaus sollte wieder uneheliche Mütter aus einem größeren Einzugsgebiet auf­nehmen, wofür geworben werden musste;
3. die Säuglingspflegeschule, die beim Weggang der Augustinerinnen geschlossen worden war, sollte so rasch wie möglich den Betrieb wieder aufnehmen;
4. eine gewisse Anzahl an älteren Dauerpensio­nären sollte gegen Bezahlung aufgenommen werden;
5. gefährdete schulentlassene Mädchen sollten zur Erziehung und zur Anleitung im Haushalt gegen Zahlung eines Pflegegeldes aufgenom­men werden. Dazu sollten die Kundennäherei und die Wäscherei wieder eröffnet werden.

Diese Maßnahmen konnten allerdings erst nach und nach greifen. Es wurde jedoch auch kurz­fristig finanzielle Hilfe benötigt. Deshalb bat Dr. Elsa Thomas den Bonifatiusverein, den Caritas­verband, den Dortmunder Zentralverein und an­dere um zinslose Darlehen für den Wiesbadener Verein und konnte auf diesem Weg die nötigsten Mittel für die ersten Monate beschaffen.

Bis zum Sommer 1938 gelang es, das Heim durch die Hilfe von außen und durch größte Spar­samkeit beinahe kostendeckend zu betreiben. Doch selbst bei Auf­nahme einer größeren Zahl von Müttern und Säuglingen ließ sich die wirt­schaft­liche Lage des Hauses kaum verbessern, da die Stadt Wiesbaden zunehmend die Pflege­gelder kürzte bzw. bei Müttern, die nicht aus dem Regierungsbezirk Wies­baden stammten, gar nicht zahlte.61 Anfang Januar 1939 verschärfte das Wiesba­dener Jugendamt, dessen Leiter dem ka­tholischen Heim sehr feindselig gegen­überstand, die Schikanen. Alle unehelichen Mütter aus dem Johannesstift wurden vorgeladen und unter Druck gesetzt, die Säuglinge zu Familienangehörigen oder in eine Pflegestelle zu geben. Viele Mütter wehrten sich dagegen.62

Dennoch hatte sich der Verein inzwischen soweit stabilisiert, dass sich bei der Mitglieder­versammlung am 14. Februar 1939 die „Krisen-Managerinnen" von der Dortmunder Zentrale weitgehend zurückzogen und die Vorstandsarbeit wieder in die Hände der Wiesbadener Ortsgruppe legten. Für die Position der ersten Vor­sitzenden hatte man die pensionierte Konrektorin Magda­lena Neuroth63 gewinnen können, eine entschie­dene Katholikin, die vor 1933 der Zentrumspartei und fast 14 Jahre lang der Wiesbadener Stadt­verordnetenversammlung angehört hatte. Zu ihrer Stellvertreterin wurde Doris von Spiessen gewählt; Dr. Elsa Thomas blieb vorerst noch als drittes Mitglied im Vorstand.

Es wurde beschlossen, zusätzlich ein Kurato­rium zu bilden, dem u.a. ein Arzt (Dr. Winter) und ein Rechtsberater (Dr. Kauffmann) angehörten. Beide waren Mitglied der NSDAP. Offenbar in der Hoffnung, die Existenz des Fürsorgevereins und des Johannesstifts zu sichern, machten Dr. Winter und Dr. Kauffmann kurz darauf einen Vor­stoß beim Oberpräsidenten in Wiesbaden und schlugen vor, der NSV stärkeren Einfluss im Für­sorgeverein einzuräumen und dies durch eine Satzungs­änderung festzulegen.

Dieser Übereifer hatte jedoch sehr negative Folgen, und es entspann sich eine heftige brief­liche Kontroverse. Die Zentrale in Dortmund sah die vom Oberprä­sidenten vorgeschlagene Sat­zungsformulierung als unzulässigen Eingriff in die Arbeit des Fürsorgevereins an. Der Oberpräsident wiederum wehrte sich ent­schieden gegen diesen Vorwurf und strich heraus, dass nicht er, sondern der Wiesbadener Fürsorgeverein den entspre­chenden Vorstoß gemacht habe.64

Der Kriegsausbruch vom 1. September 1939 beendete dann alle Satzungsdis­kussionen. Das Johannesstift wurde teilweise als Hilfskrankenhaus beschlag­nahmt und war unmittelbar von großen Veränderungen betroffen. Agnes Heftrich berichtete am 7. September 1939 an Dr. Elsa Thomas: „Wir haben tüchtige Arbeitstage hinter uns, denn wir mußten im Johannesstift alles umräu­men. Wir haben nämlich aufK 11 die Kinderklinik des Städt. Krankenhauses und müssen ausser-dem noch Raum bereitstellen für WO Betten für Verletzte bei einem Fliegerangriff und für Kranke des Städt. Krankenhauses, wenn dieses keinen Platz mehr hat. Wir alle hatten uns binnen weni­ger Stunden als ganz brauchbare Möbeltranspor­teure ausgebildet. Ich will Ihnen nun auch sagen, wo alle unter­gebracht sind. Die Schützlinge, die oben über der Säuglingsabteilung schliefen, sind jetzt im früheren Nähzimmer, wissen Sie, in dem Gebäude, wo die Wasch­küche ist. Die größeren Kinder sind im Kinderhaus hoch oben. Die Säug­lings­abteilung ist geblieben und unten sind die kranken Kinder des Städt. Kranken­hauses mit ihrem eignen Personal. Sie werden auch vom Krankenhaus verpflegt. Im vorderen Haus ist der ganze 1. Stock geräumt mit Ausnahme der Zimmer von Frau Großmann und Frl. Kruft. Die Schwestern wohnen oben auf der D.-Abteilung und haben auch dort ihre Klausur. Die Ärztin der Städt. Kinderklinik wohnt auch hier und hat als Schlafzimmer das Büro von Schwester Oberin. Diese schläft in dem Zimmer neben dem großen Büro, wo Sie schon öfter gewohnt haben. Wenn wir auch nun in sehr gedrückten Verhältnissen leben, so haben wir trotzalledem den Mut nicht verloren. ..."65

Es sollten nicht die letzten Veränderungen während des Krieges bleiben. Am 19. Dezem­ber berichtete die Oberin, Schwester Chantal, an Dr. Elsa Thomas nach Dortmund, dass acht Tage zuvor die geschlechtskranken Mädchen aus dem Städtischen Krankenhaus im oberen Stockwerk des Vorderhauses des Johannes­stifts einquar­tiert wurden. Es gelang dem Fürsorgeverein nicht, dies zu verhin­dern. Die Schwestern hatten diese Räume wieder verlassen müssen und waren in ihre früheren Räume zurückgezogen. Die Innere Abteilung des Krankenhauses wurde verlegt. Auch die größeren Kinder mussten wieder um­ziehen und belegten jetzt den großen Saal, wo sie zumindest genügend Platz hatten.

Ein Vertrag über die Nutzung der Räume im Johannesstift durch das Städtische Krankenhaus lag dem Fürsorgeverein noch nicht vor. Schwester Chantal bean­tragte deshalb kurz vor Weihnachten 1939 einen zweiten Vorschuss bei der Stadt, da noch keine regelmäßigen Zahlungen flössen. Die Arbeit im Haus hatte sich beträchtlich vermehrt, viel mehr Personen mussten verpflegt und be­treut werden, und dies bei äußerst knappen fi­nanziellen Mitteln. Auch fehlte es an Personal, mehrere Kräfte hatten das Stift verlassen. Außer­dem mangelte es an neuen Säuglingspflegeschü­lerinnen, und die Schwestern waren durch die vielen Umzüge innerhalb des Hauses am Rande der Erschöpfung.

Die Einquartierung der Krankenhausabtei­lungen stellte die Schwestern auch in seelsor­gerischer Hinsicht vor eine neue Situation. So äußerte sich Schwester Chantal zum bevorste­henden Weihnachtsfest 1939: „Es wird wohl so sein, daß wir in diesem Jahre manchen Men­schen damit eine Feierstunde bereiten dürfen, die unserm Herrgott ziemlich fern stehen. ... Am Sonntag waren die Mädchen von oben (d.h. von der Geschlechtskrankenabteilung), die katholisch waren, auch in der heiligen Messe und sie haben sich auch ganz ordentlich be­tragen."

Der Druck auf das Johannesstift und den Für­sorgeverein nahm in den beiden folgenden Jah­ren noch weiter zu. Im November 1940 wurde die Vorsitzende zur Gestapo vorgeladen und sollte schriftlich den Zweck und die Konstruktion des Vereins sowie die Gründe für die 1939 an­gestrebte Satzungsänderung erklären. In Panik wandte sich Magdalena Neuroth an Dr. Elsa Tho­mas um Hilfe. Letztere, eine überzeugende und resolute Person, reiste aus Dortmund an und erschien am 15. November 1940 persönlich in der Höhle des Löwen, wo sie die Angelegen­heit offenbar klären konnte.66

Ein Jahr später zeichnete sich erneut eine existenzielle Krise ab. Der Oberprä­sident kündi­gte eine Besprechung im Johannesstift für den 19. November an, um auf der Grundlage des Runderlasses vom 20.6.1941 „Planwirtschaft­liche Verwen­dung von Anstalten und Heimen zur Unterbringung Minderjähriger, insbesondere zum Zwecke der erweiterten Kinderlandverschickung" über die künftige Nutzung des Stifts zu verhan­deln. Dies konnte nur bedeuten, dass sich die NSV das katholische Heim einverleiben wollte. In dieser Situation profitierte das Johannes­stift davon, dass sich die verschiedenen NS-Organi-sationen und -behörden oft untereinander nicht einig waren und gegeneinander arbeiteten. Am 13. Dezember 1941 erließ nämlich der Oberbür­germeister von Wiesbaden als Beauftragter der örtlichen Wehrmachtsangelegenheiten eine Sicherungsverfügung. Das hieß, dass nun auch die restlichen Räumlichkeiten des Johannesstifts für Zwecke des Städtischen Krankenhauses, das sei­nerseits als Reservelazarett beschlagnahmt war, für den Bedarfsfall sichergestellt wurden. Damit waren sie dem Zugriff der NSV entzogen.67

Dennoch war die Weiterarbeit zunehmend ge­fährdet. Im April 1942 wurde bereits das gesamte Heim für die Unterbringung von Krankenbetten beansprucht. Selbst der Antrag, eine kleine Kin­derstation im Waschküchengebäude des Anwe­sens in der Platter Straße zu belassen, wurde ab­gelehnt. Die Kinder, die sich noch im Johannes­stift befanden, wurden nach und nach vom Ju­gendamt herausgeholt. Die meisten wurden im Waisenhaus St. Michael untergebracht.68

In der Chronik der Hiltruper Schwestern findet sich die Notiz: „So war bis zum Mai 1942 un­sere Säuglingsstation fast vollständig aufgelöst. Eines Tages fuhr ein Auto vor, das die Behörde geschickt hatte, mit dem Auftrag, die letzten Kin­der (meistens schwachsinnige) abzuholen und in drei andern Heimen der Stadt unterzubrin­gen." Es ist zu befürchten, dass dies bedeutete, dass die „schwach­sinnigen" Kinder, möglicher­weise auf dem Umweg über ein anderes Heim, nach Hadamar gebracht und dort getötet wurden. In der Korrespondenz des Fürsorge­vereins von 1942 gibt es zwar keine direkten Hinweise auf „Euthanasie"-Opfer, doch wäre es damals auch sehr riskant gewesen, darüber offen zu schreiben. In der Datenbank der Gedenkstätte Hadamar ist allerdings belegt, dass zumindest ein geistig behinderter Junge, Günter D., geboren 1939 in Wiesbaden, im Mai 1942 aus dem Johannesstift zunächst in die Heime Scheuern bei Nassau ver­legt wurde. Von dort brachte man ihn im Februar 1943 nach Hadamar, wo er vier Tage nach An­kunft ermordet wurde. In der Chronik über die Kriegszeit, die von den Hiltruper Schwestern nach 1945 verfasst wurde, ist das Schicksal der behin­derten Kinder aus dem Johannesstift mit keinem Wort erwähnt, und auch über eventuelle Ver­suche, die Kinder vor dem Abtransport zu retten, wird nichts berichtet. Offen­bar fügte man sich den Anordnungen der NS-Behörden.

Es gelang den Schwestern jedoch, Bertha Schwarz, in der Terminologie der Nazis eine „Halbjüdin", vor Verfolgung zu schützen. Sie war 1910 als Tochter eines jüdischen Vaters und einer christlichen Mutter in Saarbrücken geboren. Aus ungeklärten Gründen war sie im Alter von zwei Jahren zunächst in ein Waisen­haus in Bad Kreuznach und anschließend in das Mädchenheim Ger­trudenstift in Saarlouis gekommen, bevor man sie 1926 im Johannesstift in Wiesbaden aufge­nom­men hatte. Hier wurde sie mit Hausarbeiten be­schäftigt. Als während der nationalsozialistischen Herrschaft die rassische Verfolgung immer mehr zunahm und schließlich auch die sogenannten Halbjuden nicht mehr sicher waren, behielt man Bertha unauffällig im Stift und versteckte sie Be­richten zufolge in Momenten der Gefahr im Keller. „Tante Bertha", wie sie später von allen Heimbe­wohnerinnen und dem Personal liebevoll genannt wurde, blieb auch nach dem Krieg im Johan­nes­stift, das ihr zur Heimat geworden war, wohnen. Sie verrichtete viele Jahre lang den Pfortendienst. Nach ihrer Erblindung im Alter wurde sie im Stift bis zu ihrem Tod im Jahr 1997 gepflegt.

Mit dem Städtischen Krankenhaus musste nach der Beschlagnahme der rest­lichen Räume im Dezember 1941 ein Erweiterungsvertrag ab­geschlossen werden. Dabei wollte der Fürsorge­verein versuchen zu erreichen, dass die Schwes­tern im Hause bleiben konnten. Die Leiterin des Mutterhauses in Hiltrup wollte die Schwestern in Wiesbaden belassen, wenn ihnen die selbst­ständige wirtschaftliche Leitung und ein Teil der Krankenpflege im Hause übertragen würde. In den ersten Besprechungen von Magdalena Neu­roth und Dr. Elsa Thomas mit Stadtinspektor Kör­ner und Krankenhausdirektor Thorn wurde von städtischer Seite strikt abgelehnt, die Nonnen als Personal zu übernehmen, obwohl man deren Leistungen anerkannte. In mehreren Gesprächen mit Stadtkämmerer Hess konnte Dr. Elsa Tho­mas dann doch erreichen, dass die Schwestern bleiben durften.69 Der neue Vertrag zwischen der Stadt Wiesbaden und dem Katho­lischen Fürsor­geverein sah vor:

§ 1: Für die Dauer des Krieges und zur Be­hebung des in der Sicher­heitsverfügung des Herrn Oberbürgermeisters vom 12. Dezember 1941 bezeichneten Notstandes: „Raummangel zur Unterbringung von Kranken" infolge „Inan­spruchnahme der Städt. Krankenanstalten als Reservelazarett"stellt der Kath. Fürsorgeverein für Mädchen, Frauen und Kinder e. V. Wiesbaden als Eigentümer des Hausgrundstückes Wiesbaden, Platterstrasse 76/80 (im Folgenden Johannes­stift' genannt) der Krankenhausverwaltung der Stadt Wiesbaden die Gebäude des Grundstückes nebst Inventar mietweise zur Ver­fügung.....

§ 5: Die wirtschaftliche Leitung und Versor­gung des Hauses behalten die Schwestern des Mutterhauses Hiltrup bei Münster i. Westf. Aus-serdem übernehmen sie einen Teil der Pflege.

§ 6: Die Schwestern behalten ihre jetzigen Wohn- und Schlafräume als Klausurräume wei­ter. Ausserdem bleibt ihnen der Kapellenraum im oberen Stock des Neubaus Strassenfront. ..."
70

Dies war ein beachtlicher Erfolg, der vor allem der Überzeugungskraft und geschickten Verhand­lungsführung von Dr. Elsa Thomas zu verdanken war. Die Schwesternschülerinnen mussten aller­dings ausziehen. Außer den Hiltruper Schwestern arbeiteten nun Rote-Kreuz-Schwestern in einzel­nen Krankenab­teilungen im Hause. Zur Ober­schwester für die gesamte Einrichtung wurde Schwester Magdalene Kämpfer aus den Städ­tischen Krankenanstalten ernannt.71

Um die Jahreswende 1942/43 gab es einen Vorstoß der Städtischen Kranken­hausverwaltung, das Johannesstift zu erwerben. Nach Rücksprache mit dem Bischof und mit Caritasdirektor Lamay in Limburg lehnte der Wiesbadener Vor­stand den Verkauf jedoch ab.72

Als im Jahr 1943 die Hautstation aus dem Jo­hannesstift in die Städtischen Kranken­anstalten zurückverlegt wurde, war es möglich, in den frei­gewordenen Räumen ein Vorasyl einzurichten, das gefährdete Jugendliche und uneheliche Müt­ter aufnehmen konnte. Dafür gab es seit langem Bedarf, und auch das Wiesba­dener Jugendamt hatte die Einrichtung wiederholt gefordert.73

Aus einem Schreiben von Schwester Chantal an Dr. Elsa Thomas vom 14. Fe­bruar 1944 geht hervor, dass trotz der Beschlagnahme durch das Krankenhaus weiterhin ein Säuglingsheim im Haus bestand, dessen Belegung allerdings nicht in der Verantwortung des Fürsorgevereins lag:

... Dazu sind es ja auch nur 3 ganze Bet­ten, die von Müttern belegt werden, die bereits entbunden haben. Wir dürfen kein Kind so aufnehmen, alles muss durchs Krankenhaus gehen oder durchs Jugendamt eingewiesen werden. Es herrscht da oben reges Leben. 20 Kinderchen sind es nun geworden. Wenn es so weitergeht, dann müssen wir anbauen. Aber es sollen ja demnächst die Internationalen ander­weitig un­tergebracht werden. Dann gibt es ja wieder viel Platz. ...74

Aus der vorsichtigen Andeutung über die „In­ternationalen" kann man herauslesen, dass es sich bei den Säuglingen und Kleinkindern zum großen Teil um die Kinder von ausländischen Zwangsarbeiterinnen handelte. Tatsächlich ist aus anderen Quellen belegt, dass die Neugeborenen von „Ostarbeiterinnen" für mehrere Wochen oder Monate in der Säuglingsstation des Städtischen Krankenhauses (die sich seit Kriegsbeginn im Jo­hannesstift befand) versorgt wurden, wenn ihre Mütter kurz nach der Entbindung wieder arbeiten mussten und die Arbeitgeber sich weigerten, die Kinder aufzunehmen. Im Frühjahr 1944 gab es dann eine amtliche Anweisung, dass die auslän­dischen Kinder aus dem Säuglingsheim entfernt werden müssten, da die Plätze dringend für deut­sche Kinder benötigt würden.75

Die gegen Kriegsende immer häufiger wer­denden Luftangriffe auf das Rhein-Main-Gebiet belasteten das tägliche Leben und versetzten die gesamte Wiesbadener Bevölkerung, so auch die Bewohnerschaft des Johannesstifts, in Angst und Schrecken. Zahllose Stunden mussten die Schwestern mit allen Kranken und den Kindern im Luftschutzkeller verbringen.

Mit dem Einmarsch der US-amerikanischen Truppen am 28. März 1945 war der Krieg in Wiesbaden zu Ende. Die Menschen konnten auf­atmen. Beim letzten schweren Angriff auf Wiesba­den vom 2. Februar 1945 war das Obergeschoss im Vorderhaus an der Platter Straße durch Phos­phorkanister in Brand gesetzt worden, und auch auf das Dach des Säuglingsheims und des Wirt­schaftsge­bäudes waren einige Brandbomben ge­fallen. Durch rasches Löschen hatte man jedoch größere Schäden verhindern können, so dass die Gebäude des Johannes­stifts bei Kriegs­ende weit­gehend erhalten waren.76 Glücklicherweise hatte man im Hause auch keine Toten durch Kriegsein­wirkung zu beklagen.

Angesichts der schwerwiegenden finanziellen Probleme und der vereinsinternen Krise in den 1930er Jahren sowie der wiederholten Versuche von Seiten der NS-Behörden, das Heim finanziell auszuhungern und es in eigene Regie zu über­nehmen, grenzt es fast an ein Wunder, dass das Johannesstift bei Kriegsende überhaupt noch als katholische Einrichtung existierte, auch wenn es während der letzten Kriegsphase nur noch in äu­ßerst geringem Umfang seiner ursprünglichen Zweckbestimmung gedient hatte.

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