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Jahre
Krisenjahre 1933-1937 Trotz anfänglicher Skepsis gegenüber den Nationalsozialisten konnte der Katholische Fürsorgeverein im Frühjahr 1933 dem politischen Machtwechsel durchaus positive Aspekte abgewinnen. Damit unterschied er sich nicht von der Haltung der beiden großen Kirchen und vieler anderer konservativer Institutionen. In einem Rundschreiben der Dortmunder Zentrale vom 5. Mai 1933 wiesen Agnes Neuhaus und Elisabeth Zillken die Mitgliedsverbände auf die vorhandenen Übereinstimmungen zwischen den Zielen der katholischen Jugend- und Gefährdetenfürsorge und dem Nationalsozialismus hin. Insbesondere in den Programmpunkten: „Kampf gegen die Unsittlichkeit, gegen Schmutz und Schund, Bemühungen um gesunden Familienaufbau und um stärkere Entwicklung der Selbsthilfe, Pflege von Zucht und Ordnung und des Gedankens der Dienstverpflichtung gegenüber der Volksgemeinschaft" konnte man sich wiederfinden und erhoffte sich eine Überwindung jener Missstände, deren Ursachen man im Weimarer Wohlfahrtsstaat sah. Erst nach und nach begann man auch im Katholischen Fürsorgeverein zu erkennen, dass zwischen den eigenen Zielen und jenen des nationalsozialistischen Regimes doch erhebliche Unterschiede bestanden.44 Der Totalitätsanspruch des NS-Staates auf die Erziehung der Jugend, der den Einfluss sowohl der Eltern als auch der Kirchen auszuschalten trachtete, musste in den konfessionellen Verbänden auf Widerspruch stoßen. Dabei schien sich die Arbeit in der Jugendpflege unmittelbar nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten zunächst so zu entwickeln, wie die Verbände der konfessionellen Wohlfahrtspflege dies erhofft hatten. Es schien, dass sich die NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) als ein weiterer Verband in die Reihe der freien Verbände einordnen würde. Bald zeigte sich jedoch, dass sich die NSV damit nicht zufrieden gab, sondern dass sie schon bald in fast allen Bereichen der Wohlfahrtspflege einen Führungsanspruch erhob. Während die Jugendpflege und Jugendertüchtigung der Hitler-Jugend übertragen wurden, erklärte sich die NSV für das gesamte Gebiet der Jugendfürsorge zuständig. Darunter fielen die Fürsorge für gefährdete und bereits geschädigte Jugendliche, der Mutterschutz und die Säuglingsfürsorge, das Pflegekinder- und Vormundschaftswesen, die Kleinkinderfürsorge, die Jugendgerichtshilfe und die Fürsorgeerziehung, also alles Arbeitsgebiete, die der Katholische Fürsorgeverein zu seinen ureigensten Aufgaben zählte. Die NSV war jedoch durchaus bereit, die praktische Arbeit auf Gebieten, die sie mangels ausgebildeten Personals und mangels geeigneter Einrichtungen nicht selbst übernehmen wollte oder konnte, weiterhin konfessionellen Trägern zu überlassen. So konnten die meisten konfessionellen Heime 1933 zunächst einmal weiterbestehen, während sich die NSV vorzugsweise der offenen Jugendfürsorge widmete.45
Der Wiesbadener Fürsorgeverein und sein Johannesstift machten von 1933 bis zum Kriegsende allerdings eine äußerst schwierige Phase durch, die die Arbeit fast zum Erliegen gebracht hätte. Hierfür waren neben wiederholten Versuchen der NS-Behörden, in die Arbeit einzugreifen oder das Heim ganz zu übernehmen, vor allem finanzielle und vereinsinterne Probleme verantwortlich. Die Führungsspitze des Fürsorgevereins war damals stark überaltert. Die Vorsitzende, Frau Ben-nin, war im Jahr 1933 mit 78 Jahren das jüngste Mitglied des Vorstands. Die drei alten Damen waren den besonderen Anforderungen, einen katholischen Verein in einem kirchenfeindlich gesonnenen Staat sicher und taktisch geschickt zu führen, nicht gewachsen. Hinzu kam, dass „Frau General", wie Helene Bennin sich als Witwe eines Generalmajors ansprechen ließ, eine Atmosphäre geschaffen hatte, die sich als„ein starkes Hindernis für den Ausbau der ehrenamtlichen Arbeit" erwies.46 Die Anzahl der zahlenden Mitglieder war in den zwanziger Jahren, vermutlich auch infolge von Inflation, Weltwirtschaftskrise und Überalterung, stark gesunken. Hatten dem Verein 1921 noch 170 zahlende Mitglieder angehört, so waren es 1933 nur noch 30. Dazu kamen zehn aktive Mitglieder. Auch um die Probleme des Heims und der Außenfürsorge hatte sich die Vorsitzende seit Jahren immer weniger gekümmert. So kam es, dass die hauptamtliche Mitarbeiterin, Agnes Heftrich, zu deren Aufgaben sowohl die Führung des Vereinssekretariats als auch die Außenfürsorge zählten, nach Gutdünken schalten und walten konnte und die Außenfürsorge völlig vernachlässigte. Sie war in den zwanziger Jahren eng mit der damaligen Oberin des Johannesstifts befreundet und hatte sich zunehmend in die Angelegenheiten des Heims und der Schwestern eingemischt, wofür sie überhaupt nicht zuständig war. Dies hatte zu Unfrieden unter den Schwestern geführt. Auch nach der Versetzung dieser Oberin kehrte keine Ruhe im Stift ein; die Intrigen gingen weiter. Begünstigt wurde das Verhalten der Fürsorgerin durch den Umstand, dass sich ihr Büro zu jener Zeit im Haus in der Platter Straße befand und sie sich den ganzen Tag dort aufhielt.47 Offenbar aus Rache wurde Agnes Heftrich Anfang 1934 bei der inzwischen „gleichgeschalteten" Wiesbadener Stadtverwaltung denunziert. Jemand aus dem Heim hinterbrachte der Fürsorgeerziehungsbehörde, dass sie den Hitlergruß boykottiere. Daraufhin verlangte die Behörde ihre Entlassung, der Vorstand hielt jedoch an ihr fest. Gleichzeitig lasteten ernsthafte Finanzsorgen auf dem Fürsorgeverein. Für die Wirtschaftsführung des Johannesstifts waren die Schwestern verantwortlich. Das ihnen zur Verfügung stehende Geld reichte kaum für die allernotwendigsten Ausgaben. Zwischen dem Verein und den Augustinerinnen herrschten aufgrund der gesamten Situation starke Spannungen. Der Vorstand wandte sich daraufhin mit einer Beschwerde über die Schwestern an das Generalvikariat in Limburg, worauf der Bischof den Caritasdirektor Lamay mit der Klärung der Angelegenheit beauftragte. Doch die Streitigkeiten wurden nicht nur verbandsintern ausgetragen, sondern gelangten durch Helene Bennin auch zur Kenntnis der städtischen Fürsorgeerziehungsbehörde.48 Offenbar war sich die damals fast 80-jährige Vorsitzende überhaupt nicht bewusst, dass unter dem neuen Regime jede Beschuldigung von Mitarbeiterinnen existenzbedrohend war und dass die NS-Behör-den nur auf einen Anlass warteten, eine ungeliebte konfessionelle Einrichtung zu schließen. Die Behörde sah aufgrund der inneren Konflikte im Verein eine geordnete Erziehungsarbeit im Johannesstift nicht mehr gewährleistet und drohte, die Zöglinge zurückzuziehen. Dies hätte das Ende für das Heim bedeutet. Von der Erziehungsbehörde wurde die Angelegenheit außerdem an die NSDAP weitergemeldet. Die Partei forderte den Fürsorgeverein prompt auf, den Verein nach dem „Führerprinzip" zu organisieren und ein Mitglied der NS-Frauenschaft, die Berufsschulinspektorin Marx, als „Vereinsführerin" in den Vorstand aufzunehmen.49 Als Frau Bennin wegen ihres unvorsichtigen Verhaltens intern Vorhaltungen gemacht wurden, legte der gesamte Vorstand die Ämter nieder. Auf einer Mitgliederversammlung im Juni 1934 wurden die drei Damen ehrenvoll verabschiedet, und es wurde ein neuer, verjüngter Vorstand, bestehend aus Catarina Eller, Elsa Lindpaintner und Emmy Huesker, gewählt. Von der Zentrale in Dortmund wurde Dr. Elsa Thomas nach Wiesbaden entsandt, um gemeinsam mit Caritasdirektor Lamay und dem neuen Vorstand eine Lösung des Konflikts mit der Fürsorgeerziehungsbehörde und der örtlichen NSDAP zu suchen. In einem ersten offiziellen Gespräch mit dem Personalamt der NSDAP, bei dem auch Frl. Marx anwesend war, lehnte Caritasdirektor Lamay die Gleichschaltung des Fürsorgevereins kategorisch ab und berief sich dabei auf die Vereinbarungen der „Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege" vom 24. März 1934 sowie auf ein Rundschreiben des Leiters des Hauptamtes für Volkswohlfahrt in Berlin, Erich Hilgenfeldt, worin den konfessionellen Verbänden ihre Unabhängigkeit zugesichert worden war. Man bot jedoch an, der Mitgliederversammlung Frl. Marx als Kandidatin für den Vorstand, nicht jedoch als Vorsitzende, vorzuschlagen. Im Anschluss an das Gespräch wurde Frl. Marx von Direktor Lamay und Dr. Elsa Thomas in das Johannesstift mitgenommen, wo man ihr die Arbeit des Vereins erläuterte und sie fragte, ob sie sich eine Mitarbeit auf der Grundlage einer christlichen Caritasorganisation vorstellen könne. Sie versprach, darüber nachzudenken.50 Offenbar war sie jedoch von der entschiedenen Haltung des katholischen Vereins abgeschreckt worden. Denn obwohl Catarina Eller noch am 7. September 1934 in einem Schreiben an Agnes Neuhaus knapp erwähnt: „Eine Dame der nationalsozialistischen Frauenschaft wurde uns als 2. Vorsitzende beigegeben"51, wurde Frl. Marx im Vereinsregister des Amtsgerichts nie als Vorstandsmitglied eingetragen. Um für die Zukunft Unstimmigkeiten zu vermeiden, beschloss der neue Vorstand, einen klareren Vertrag mit dem Mutterhaus der Augustinerinnen abzuschließen und eine Geschäftsordnung für die Sekretärin sowie nötigenfalls für die Schwestern aufzustellen. Vom Leiter der Fürsorgeerziehungsbehörde, Dr. Wehn, wurde weiterhin die Entlassung von Agnes Heftrich gefordert. Der Vorstand wollte ihr jedoch aus sozialen Gründen nicht kündigen, da sie dann mit ihrer alten Mutter, die sie zu versorgen hatte, mittellos dagestanden hätte. Man hoffte vielmehr bei ihr auf Einsicht und wollte darauf hinwirken, dass sie sich künftig aus den Angelegenheiten des Heims heraushielt. Es wurde ihr deshalb ein vom Heim abgesondertes Büro für die Außenfürsorge eingerichtet.52 Nach zweimonatiger Arbeit glaubte der neue Vorstand, die gröbsten Schwierigkeiten überwunden und den Verein wieder in ruhiges Fahrwasser gelenkt zu haben. Da traf unerwartet das folgende Schreiben der NSDAP vom 28. August 1934 ein:53 „Nach unserer Ansicht ist der vorläufige Vorstand des Johannisstiftes in seiner jetzigen Zusammensetzung nicht arbeitsfähig. Wir schlagen nach Rücksprache mit dem Herrn Landeshauptmann als entgültigen Vorstand vor:
1.
Vorsitzende: Frau Traupel, Kf.Ring 75 Voller Sorge wandte sich Catarina Eller an die Diözese in Limburg, die Caritaszentrale in Freiburg und die Zentrale des Fürsorgevereins in Dortmund. Aus ihrem Schreiben an Agnes Neuhaus spricht die ganze Verzweiflung des Wiesbadener Vorstands: „Ich halte es für meine Pflicht, Sie von diesem traurigen Fall, der unsere ganzen Hoffnungen umwirft, in Kenntniß zu setzen. Wir haben die feste Absicht nicht zu weichen und bei Gewaltanwendung durch Schließung des Heimes zu antworten. ..."54 Es ist zu vermuten, dass in der NS-Bürokratie manches sehr schleppend behandelt wurde und der Schreiber des Briefes vom 28. August 1934 den Wechsel im Vorstand des Fürsorgevereins vom Juni 1934 sowie die nachfolgenden intensiven Bemühungen, die Vereinsarbeit zu konsolidieren, noch nicht zur Kenntnis genommen hatte. Auf jeden Fall bildeten Catarina Eller, Elsa Lindpaintner und Emmy Huesker keinen „vorläufigen" Vorstand, denn sie waren regulär gewählt und unter dem Datum vom 28. Juni 1934 bereits beim Amtsgericht in das Vereinsregister eingetragen worden. Mit Hinweis darauf gelang es offenbar, diesen Angriff abzuwehren. Über die Arbeit der folgenden zwei Jahre ist nur wenig bekannt. Das Heim wurde weitergeführt, doch scheint sich die Atmosphäre zwischen den Augustinerinnen und dem Fürsorgeverein nicht wesentlich gebessert zu haben. Vor allem nahmen die wirtschaftlichen Sorgen immer mehr zu. Öffentliche Zuschüsse blieben aus, viele Heimplätze mussten zu ermäßigten Sätzen oder kostenlos an mittellose Pfleglinge vergeben werden, und die hohen Darlehenszinsen belasteten weiterhin den Haushalt. Die Anzahl der Pfleglinge, die in den Jahren der Weimarer Republik stark geschwankt hatte, war 1933 - möglicherweise noch als Folge der Weltwirtschaftskrise - sprunghaft auf 341 (mit insgesamt 110.434 Pflegetagen) angestiegen. Danach sank sie auf 241 (1934), 189 (1935) bzw. 245 (1936) ab. Hierfür war vor allem die Politik der Wiesbadener Fürsorgeerziehungsbehörde verantwortlich, die keine Fürsorgezöglinge mehr in das Johannesstift einwies. Im Jahr 1937 spitzte sich die finanzielle Krise zu. Das Haus war nicht ausgelastet, und die Kundenwäscherei, die eine wichtige Einnahmequelle dargestellt hatte, musste geschlossen werden, da der Hochdruckkessel und fast alle Waschmaschinen defekt waren. Es gelang dem Vereinsvorstand nicht, mit den Schwestern eine Vereinbarung über geänderte Verantwortlichkeiten für die Wirtschaftsführung zu treffen. Das Mutterhaus der Augustinerinnen beschloss schließlich, seine Schwestern aus dem Johannesstift zurückzuziehen. Der Vorstand des Fürsorgevereins versuchte nicht, die Generaloberin in Köln umzustimmen. Man sah sich stattdessen sofort nach anderen Mitarbeiterinnen um, was wiederum die Augustinerinnen erbitterte. Die Hiltruper Missionsschwestern erklärten sich auf Anfrage bereit, nach Wiesbaden zu kommen.
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