100 Jahre
Johannesstift Wiesbaden
Sozialdienst katholischer Frauen

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Die Entwicklung des Vereins bis 1933

Den Vorstand des Wiesbadener Fürsorgevereins bildeten stets drei Frauen. Ihm stand ein „Ausschuss der tätigen Mitglieder mit Stimmrecht" zur Seite. Die Zahl der „tätigen Mitglieder" mit Stimm­recht stieg von anfangs vier (1907) auf 16 im Jahr 1914 an.

Darüber hinaus wurde der Vorstand durch einen aus Männern zusammenge­setz­ten Beirat unterstützt, der kein Stimmrecht besaß. Ihm ge­hörten unter anderem der für das Johannesstift zuständige Anstaltsarzt, der juristische Beistand, der Stadtpfarrer (der manchmal gleichzeitig der Seelsorger des Johannesstifts war) sowie weitere Honoratioren an.

Den Vorsitz des Fürsorgevereins hatte von der Gründung bis zu ihrem Tod am 12. Januar 1918 Mathilde Großmann inne. Zweite Vorsitzende und Mitbegründerin war Gräfin Julie Matuschka-Greif-fenklau, die auch Vorsitzende des Katholischen Frauenbundes Wiesbaden war. Sie starb am 28. April 1912 und vermachte dem Verein 1000 Mark, die in eine nach der Spenderin benannte Stiftung eingebracht wurden. Aus den Erträgen sollten die Pflegekosten für arme, verlassene Kinder im Jo­hannesstift bestritten werden. Zu ihrer Nachfol­gerin im Vorstand wurde „Frau General" Helene Bennin gewählt.35 Als zweite stellvertretende Vor­sitzende fun­gierte bis mindestens 1927 Anna Schipper, die zeitweise das Amt der Schrift­führe­rin übernahm, zeitweise die Kasse führte. Nach Mathilde Großmanns Tod im Jahr 1918 wurde Helene Bennin zur Ersten Vorsitzenden und Mar­garete Trimborn (die dem Ausschuss schon seit der Gründung angehört hatte und meist das Amt der Schatzmeisterin versah) zur stellvertretenden Vorsitzenden gewählt.


(Bildnachweis: SkF Wiesbaden)




Die Vorstandsfrauen und Ausschussmitglieder der „ersten Generation" gehörten alle dem geho­benen Bürgertum und derselben Generation an. Sie alle waren bei Gründung des Vereins über 50 Jahre alt. Entweder waren sie unverheiratet, wie Mathilde Großmann und Gräfin Julie Matuschka-Greiffenklau, verwitwet oder, wenn sie verheiratet waren, aufgrund ihres Alters nicht mehr mit Mut­terpflichten belastet und konnten sich der ehren­amtlichen Tätigkeit im Fürsorgeverein verschrei­ben. Sie besaßen Lebenserfahrung und ließen sich von den belastenden und oft uner­freulichen Seiten ihres selbst erwählten Aufgabengebietes, in dem sie mit Sitten­polizei, Prostitution, Gefäng­nissen, schwangeren minderjährigen Mädchen, schwierigen Familienverhältnissen, Missbrauch und verwahrlosten Kindern in Berührung kamen, nicht schrecken. Gefestigt in ihrem Glauben, sahen sie in ihrer Vereinsarbeit einen Weg, nicht nur materiell zu helfen, sondern vor allem auch die Seele ihrer Schützlinge zu retten.

In wenigen Jahren gelang es den Initiatorinnen, zahlreiche weitere Wiesbadener Frauen für ihre Arbeit zu gewinnen. Anfang 1918, zum Zeitpunkt des Todes der Gründerin Mathilde Großmann, waren neben dem dreiköpfigen Vorstand ein vier­köpfiger Ausschuss, darüber hinaus vierzehn „tätige Mitglieder mit Stimm­recht" sowie sieben männliche Beiräte im Verein aktiv. Darüber hinaus hatte man einen Kreis von 34 Frauen rekrutiert, die zusätzlich zu den aktiven Vereinsmit­gliedern Vormundschaften übernahmen. 24 dieser Vor­münder wurden als „Fräulein" be­zeichnet, waren also unverheiratet. Viele von ihnen waren vermut­lich Lehrerinnen, um die man sich aufgrund ihrer pädagogischen Ausbildung besonders bemühte. Es hatten sich also neben den zahlenden Mitglie­dern 55 Frauen aktiv in den Dienst des Katho­lischen Fürsorgevereins gestellt, eine beachtliche Zahl in der vorwie­gend protestantisch geprägten Stadt Wiesbaden.

Ein ganz besonderes Ereignis für den Fürsor­geverein fand vom 15. bis 17. Okto­ber 1913 statt. Die Wiesbadener Ortsgruppe war Gastgeberin für die alle drei Jahre stattfindende Generalversamm­lung des Dortmunder Zentralvereins. Stadt­pfarrer Gruber (in Vertretung des Limburger Bischofs), Monsignore Prälat Dr. Werthmann, der Präsident des Caritasverbandes aus Freiburg, mehrere an­dere kirchliche Würdenträger, Hedwig Dransfeld, die Vorsitzende des Katholischen Frauenbundes, sowie über hundert Mitglieder des Fürsorgever­eins aus ganz Deutschland waren zusammenge­kommen, um Erfahrungen auszutauschen und über die zukünftige Arbeit zu diskutieren. Die Vor­sitzende, Agnes Neuhaus, konnte berichten, dass die Zahl der Ortsgruppen inzwischen auf 100 an­gewachsen sei und der Verein 33 Zufluchtshäu­ser mit 2.900 Betten besitze. In der Dortmunder Zentrale seien bisher 34 „Berufsarbeiterinnen" (Fürsorgerinnen) ausgebildet worden.36


Grabstätte Mathilde Großmann, Alter Fiedhof
(Bildnachweis: SkF Wiesbaden)




Auch wenn sich der Wiesbadener Fürsorgever­ein in der kurzen Zeit seit seiner Gründung gut entwickelt hatte und auf eine erfolgreiche Tätig­keit verweisen konnte, plagten ihn große Sorgen nicht nurfinanzieller Art. Aus einem Schreiben von Mathilde Großmann an Agnes Neuhaus vom 13. Juni 1914 geht hervor, dass die Unterstützung aus kirchlichen Kreisen in der Diözese nicht so groß war wie erhofft und dass ein gewisses Misstrauen gegenüber dem Fürsorgeverein vor­herrschte.37 Dies mochte damit zusammenhängen, dass die Schützlinge des Vereins, „gefallene Mädchen" und uneheliche Kinder, von der Gesellschaft als unmoralisch gebrandmarkt und ausgegrenzt wurden. Es mochte auch darin begründet sein, dass die sehr selbständig agierenden, durch ihre erfolgreiche Arbeit in ihrem Selbstbewusstsein gestärkten Vorstandsfrauen des Fürsorgever­eins in Kreisen konservativer Männer und auch kirch­licher Würdenträger im Wilhel­minischen Deutsch­land noch Befremden auslösten. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, dem wohlwollenden, 1913 verstorbenen Dominikus Willi, stand auch der neue Limburger Bischof Augustinus Kilian den Fürsorgevereinen distanziert gegenüber, wie Ma­thilde Großmann klagte.38

Als im Frühsommer 1914 das Ansinnen an Mathilde Großmann herangetragen wurde, der Wiesbadener Fürsorgeverein solle sich dem Wies­badener Diözesan-Caritasverband anschließen, wandte sie sich ratsuchend an die Dortmunder Zen­trale. Agnes Neuhaus riet ihr zu und räumte das Missverständnis aus, sie stehe dem Caritas-Verband ablehnend gegenüber. Sie stellte klar, dass sie lediglich die bevormundende Art der Amtsführung des Vorsitzenden des Caritas-Zen-tralverbandes, Prälat Werthmann, kritisiere, der häufig in die Arbeit der einzelnen Mitgliedsver­eine eingreifen und ihnen Vorschriften machen wolle.39

Der Erste Weltkrieg und die damit ein­hergehende Teuerung bedeuteten eine große Belastung für den Verein. Nicht nur die Nah­rungsmittelpreise stiegen stark an. Auch die Ar­beit in der Waschküche erfuhr Einschränkungen durch den Mangel an Kohle und Waschmitteln, so dass die Aufträge oft nicht pünktlich ausge­führt werden konnten. Windeln und Bettwäsche für das Kinderheim waren nur schwer und zu überteuerten Preisen zu beschaffen. Die Zuwen­dungen, die durch die jährlich genehmigte Haus­kollekte dem Fürsorgeverein zugute kamen, san­ken während des Krieges von Jahr zu Jahr. Hinzu kamen die großen finanziellen Belastungen durch die Darlehenszinsen, die man sich durch den Er­weiterungs­bau aufgebürdet hatte. Zusätzlich sah sich der Verein kurz vor Kriegsende durch den Tod der Gründerin seiner wichtigsten Stütze beraubt, so dass der Rechen­schafts­bericht 1918 recht sor­genvoll und mutlos klingt.

Die ab 1919 noch deutlicher zutage tretende Inflation, die bis zu ihrem Höhepunkt im Jahr 1923 rasch an Fahrt gewann, ließ die Sorgen des Vereinsvorstands in den folgenden Jahren nicht geringer werden. Die Gesamtausgaben, die im Jahr 1919 noch 152.096,95 Mark betragen hatten, stiegen 1920 auf 311.906,09 Mark und im Jahr 1921 bereits auf fast das Doppelte, auf 586.904,00 Mark. Dank reichlicher Spenden von zahlreichen Wohltätern gelang es, den Fehlbe­trag 1921 auf knapp 15.000 Mark zu begrenzen. Die Ordensschwestern erhielten keine Bezah­lung, sondern arbeiteten „für Gotteslohn". Auch der Anstaltsarzt stellte sich unentgeltlich zur Ver­fügung.40 Für die Jahre 1922 und 1923, als die Inflation ihren Gipfel erreichte, sind keine Jahres­rechnungen überliefert. Offenbar gelang es dem Für­sorgeverein jedoch, auch diese Krisenzeit zu überstehen und das Heim weiter­zu­führen, wäh­rend damals zahlreiche andere wohltätige Institu­tionen die Arbeit ein­stellen mussten.

Gleichzeitig brachte die Gesetzgebung der Wei­marer Republik starke Verän­der­ungen für die freie Wohlfahrtspflege. Es kam jedoch nicht zu der von den freien Verbänden anfangs befürchteten voll­ständigen Verstaatlichung. Vielmehr ent­wickelte sich rasch eine pragmatische Zusammenarbeit des Staates mit den konfessionellen und ande­ren Wohlfahrtsverbänden, da man sowohl aus wirt­schaftlichen als auch aus fachlichen Gründen nicht auf deren qualitätvolle Arbeit verzichten wollte und konnte. Der damals entstandene dual strukturierte Wohl­fahrts­staat hat sich in Deutsch­land in seinen Grundzügen bis heute erhalten.41

Mitglieder der freien Verbände, auch des Ka­tholischen Fürsorgevereins, nahmen Einfluss auf die sozialpolitische Gesetzgebung der Weimarer Republik und wirkten auch auf örtlicher Ebene in den Arbeitsgemeinschaften der Wohlfahrtsver­bände mit. Agnes Neuhaus selbst war als Zen­trum sabgeordnete ab 6. Februar 1919 Mitglied der Weimarer Nationalversammlung und hatte entscheidenden Anteil daran, dass die Jugendfür­sorge in der Weimarer Reichsverfassung veran­kert wurde. Sie war zutiefst von der Notwendig­keit einer reichsweit einheitlichen Jugendgesetz­gebung überzeugt. Ihr Antrag fand die Unterstüt­zung von SPD und DDP, während er von einem Großteil der Zentrumspartei und vom Klerus stark kritisiert wurde.42 Hilfreich waren für Agnes Neu­haus stets die guten persönlichen Beziehungen, die sie bei der parlamentarischen Arbeit mit der SPD-Sozial­poli­tikerin Marie Juchacz verbanden. Auch bei der Formulierung des Reichsjugend-wohlfahrtsgesetzes von 1922 konnte sich Agnes Neuhaus in entscheidenden Punkten bezüglich der Gleichrangigkeit von freier und öffentlicher Jugendhilfe durchsetzen.43

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