100 Jahre
Johannesstift Wiesbaden
Sozialdienst katholischer Frauen

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Offene Gefährdetenfürsorge 1907-1933

Von Anfang an beschränkte sich der Verein nicht auf das Zufluchtshaus, sondern widmete sich auch der offenen Fürsorgearbeit. Er erhielt Hilfe­gesuche und Bitten um Vermittlung von Eltern, Angehörigen und Geistlichen nicht nur aus der Region Wiesbaden, sondern auch aus vielen an­deren Städten. Dazu heißt es im ersten Jahres­bericht: „Der großstädtische Charakter unserer Stadt bringt es mit sich, daß sehr viele Mädchen hierher kommen und leider dann oft in eine ge­fährdete Stellung geraten. Wir halfen stets nach besten Kräften. In hiesiger Stadt arbeiten wir in Verbindung mit Armenverwaltung, Vormund­schaftsgericht, städtischem Krankenhaus und Polizei. Einzelne Vormundschaften wurden über­nommen."


Kriminalgerichtsgefängnis „Stümpert", Michelsberg
(Bildnachweis: Stadtarchiv Wiesbaden)




Die Übernahme von Vormundschaften war eine der wichtigsten Säulen der offenen Arbeit. Im fünften Jahr nach Gründung wurden bereits 26 Vormund­schaften von 17 der ehrenamtlich tätigen weiblichen Mitglieder des Vereins ge­führt. Es war dem Vorstand gelungen, mehrere Lehrerinnen für diese Arbeit zu gewinnen, die aufgrund ihrer beruflichen Ausbildung und Er­fahrung dafür beson­ders gute Voraussetzungen mitbrachten. In einigen Fällen wurde dem Verein auf Wunsch der Eltern die elterliche Gewalt über­tragen, damit sie ihre Töchter aus gefährlicher Gesellschaft entfernten. Ein anderes Mal konnten die Vereinsmitar­beiterinnen auswärts wohnende Eltern erfolgreich überreden, ihre minderjährigen Töchter wieder aus der Großstadt zu sich nach Hause zu holen, „um sie vor Unglück zu bewah­ren". Manchmal übernahm der Verein auch die „Schutzaufsicht" über vorzeitig aus dem Gefäng­nis entlassene junge Frauen, fungierte also als Bewährungshelfer.


Eingang zu den Städtischen Krankenanstalten an der Schwalbacher Straße
(Bildnachweis: Stadtarchiv Wiesbaden)




Zur Vereinsarbeit zählten auch die wöchent­lichen Besuche bei weiblichen Straf­gefangenen. Da in der Wiesbadener Strafanstalt ab etwa 1910 allerdings nur noch diejenigen weiblichen Häft­linge untergebracht wurden, deren Strafe weni­ger als sechs Monate betrug, ging dieser Teil der Fürsorgearbeit danach umfangmäßig zurück. Bei diesen Gefängnisbesuchen konnten die Mitarbei­terinnen des Vereins öfters eine briefliche Aus­söhnung zwischen den Inhaftierten und ihren Familien erreichen. Außerdem nahmen sie sich der verlassenen Kinder an, deren Mütter in Haft waren. In einigen Fällen gelang es, den betrof­fenen Frauen nach der Haftent­lassung eine Ar­beitsstelle zu vermitteln. Einzelne wurden auch im Johannesstift aufgenommen. Alle vierzehn Tage ging eine Schwester des Johannesstifts am Sonntag Nachmittag mit einer Begleiterin in das Gefängnis und hielt mit den dor­tigen Frauen eine Andacht ab. Anschließend konnten die Häftlinge mit den beiden Besucherinnen sprechen und ihre Anliegen vortragen. Die Arbeit des Fürsorgever­eins auf diesem Gebiet war schon nach wenigen Jahren sehr anerkannt. 1911 berief man Mathilde Großmann in den Ausschuss des Nassauischen Gefängnisvereins.

Als neues Aufgabenfeld begann der Fürsor­geverein Ende 1911 mit regelmäßigen Kranken­hausbesuchen, wo man sich der unbemittelten katholischen Patientinnen annahm. Häufig führte ein solcher Besuch dazu, dass die Frauen des Fürsorge­vereins anschließend in die Wohnungen der Kranken gingen, um bei den Kindern und an­deren Angehörigen, die unversorgt waren, nach dem Rechten zu sehen. Außerdem versuchte der Verein, mittellosen Mädchen und Frauen, die nach der Genesung aus dem Krankenhaus entlassen wurden, eine Arbeitsstelle zu ver­schaffen. Einige dieser Mädchen und Frauen wurden vorüberge­hend kostenlos im Johannesstift aufgenommen, damit sie sich von dort aus um Arbeit bemühen konnten. Manchmal nahm der Fürsorgeverein schon vor der Entlassung aus dem Kranken­haus Kontakt mit den Angehörigen der Patientin oder mit dem Pfarramt in ihrem Heimatort auf, damit die Genesene dorthin zurückkehren konnte und ver­sorgt wurde. Bei Bedarf wurden die kleinen Kinder von Krankenhauspatientinnen in Pflegestellen oder Kinderbewahranstalten untergebracht, in einigen Fällen auch im Johannes­stift. Bei Patientinnen mit leichteren Erkrankungen wurde dafür ge­sorgt, dass sie im Krankenhaus be­zahlte Handarbeiten verrichten konnten, um sich etwas Geld zu verdienen. Neben der Fürsorge für das materielle Wohl bemühten sich die ehren­amtlichen Mitarbeiterinnen des Fürsorgevereins stets auch um das Seelenheil der Betroffenen. So ist im Jahresbericht 1912 zu lesen: „Eine Frau wurde bewogen, sich kirchlich trauen zu lassen. Zwei Kindern wurde die Taufe vermittelt."

Auch die Vermittlung von Dienstbotenstellen entwickelte sich als ein Teil der Vereinsarbeit. Im Jahr 1911 konnten 22 Mädchen in Stellungen im Haushalt vermit­telt werden, 1912 waren es 31. Dabei wurden die Herrschaften offen über die Ver­gangenheit der vermittelten Mädchen aufge­klärt, und die Mädchen wurden auch nach Auf­nahme der Arbeit weiterhin vom Fürsorgeverein betreut. Sechs Frauen des Vereins übten die Auf­sicht über in Stellungen vermittelte Fürsorgezög­linge aus. Zwei Mitglieder des Vereins wirkten in der Städtischen Armenpflege mit.


Erstes Büro des Fürsorgevereins: Luisenplatz 8
(Bildnachweis: Stadtarchiv Wiesbaden)




In den ersten vier Jahren wurden die offene Fürsorge und die damit zusammen­hängenden internen Besprechungen und Büroarbeiten ver­mutlich im Haus des Johannesstifts bzw. in den Privatwohnungen der Vorstandsfrauen erledigt. Auf­grund der zunehmenden Anforderungen wurde es jedoch bald notwendig, eine zentrale Anlaufstelle zu schaffen. 1911 eröffnete der Fürsorgeverein ein Bera­tungs­büro mitten in der Stadt. Dazu heißt es im Jahresbericht: „Um die Gesamt­arbeit zu zentralisieren, be­schloß der Vorstand, ein Büro zu eröffnen und mietete er zu diesem Zwecke ein Zimmer im Erdgeschoß Luisenplatz Nummer 8. Oeffent­liche Sprechstunden ermöglichen es allen in sittlicher Not oder Gefahr befindlichen Personen, daselbst ihre Anliegen vorzutragen."

1913 waren 19 Frauen aktiv in die Vereinsar­beit eingebunden. Jede Woche fand eine Sitzung zur Besprechung der Aufgaben, zur Beratung über Einzelfälle und zur Zuweisung von neuen Fällen statt.

Erstmals ist im gleichen Jahr auch eine haupt­amtliche Mitarbeiterin erwähnt: „Eine angestellte Berufskraft, die gründlich in der sozialen Arbeit ausgebildet ist, arbeitet auf der Geschäftsstelle, Luisenplatz 8. Daselbst werden täglich Sprech­stunden abgehalten."32

Diese erste Fürsorgerin ist im damaligen Jah­resbericht nicht namentlich genannt, es handelte sich jedoch offenbar bereits um Agnes Heftrich, die dann bis 1954 im aktiven Dienst des Ver­eins stand, bevor sie im 67. Lebensjahr in den Ruhestand versetzt wurde. Ihre Ausbildung hatte sie höchstwahrscheinlich beim Fürsorge­verein in Dortmund erhalten. Der Zentralverein richtete schon früh, um 1910, eine eigene kleine Schule zur Ausbildung der katholischen Fürsorgerinnen ein, um den größeren Ortsgruppen qualifizierte „Berufsarbeiterinnen" zur Verfügung zu stellen. Angesichts des steigenden Bedarfs an Fürsor­gerinnen wurde diese Ausbildungs­stätte, in der vor allem die rechtlichen Grundlagen der ver­schiedenen Felder der Fürsorgearbeit unterrichtet wurden, im Ersten Weltkrieg dann stark erweitert. Mitte der 1920er Jahre folgte die staatliche Aner­kennung.33

In der Zeit des Ersten Weltkriegs war die of­fene Fürsorgearbeit wichtiger denn je, wie dem Rechenschaftsbericht von 1915 zu entnehmen ist: „Schutz und Rettung der gefährdeten Kinder, Mädchen und Frauen - wann ist dies nötiger ge­wesen als in der Jetztzeit, wo durch die bedau­ernswerte Einberufung zahlreicher Familien­väter gewaltige Lücken im Familienleben entstanden sind, wo infolge des Mangels der väterlichen Au­torität, des Fehlens des wachsamen Mutterauges - die Mutter muß leider nur zu oft während des Tages fern von den Kindern den nötigen Erwerb außerhalb ihres Heims suchen - und wo infolge des Lehrermangels und der Unmöglichkeit, die volle Schuldisziplin aufrecht zu erhalten, Zucht-und Sitten­losigkeit bei einem Teil der heran­wachsenden Jugend eingerissen sind! Und auch manche Frau hat leider den graden Weg der Ehre verlassen und ihre Pflichten gegen Mann und Kinder vergessen."


Frauenarbeit im I. Weltkrieg: Zuschneidestube des Roten Kreuzes im Königl. Schloss (1915)
(Bildnachweis: Stadtarchiv Wiesbaden)




Die Mitglieder des Vereins suchten weiterhin regelmäßig die Gefährdeten auf, brachten sie in Stellungen unter, machten Besuche im Landge­richtsgefängnis und im städtischen Krankenhaus, nahmen an Verhandlungen des Jugendgerichts teil und übernahmen Vormundschaften, Pfleg­schaften und Schutzaufsichten. Im Lauf des Krieges wurden aufgrund der vielen an der Front gefallenen Väter immer mehr Bitten vom Ge­meindewaisenrat um Übernahme von Vormund­schaften an den Verein herangetragen, so dass sich dieser mangels einer ausreichenden Anzahl von Vormündern in den eigenen Reihen nicht mehr in der Lage sah, allen Anfragen zu entspre­chen.34

In den Jahren der Weimarer Republik wurde die offene Arbeit durch das Reichs­jugendwohl-fahrtsgesetz zum Teil auf eine neue Grundlage gestellt. Der Fürsorge­verein pflegte nun eine enge Zusammenarbeit mit dem neuen städtischen Ju­gend­amt und arbeitete in den örtlichen Gremien der Jugendwohlfahrtspflege aktiv mit. Die meis­ten Aufgabengebiete des Vereins blieben jedoch weitgehend unverändert.

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