100 Jahre
Johannesstift Wiesbaden
Sozialdienst katholischer Frauen

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Das Johannesstift 1907-1933

In der Zeit von der Eröffnung des Hauses bis zum Ende des Jahres 1907 wurden sieben Mädchen und vier Säuglinge im Johannesstift aufgenom­men. Dazu heißt es im ersten Jahresbericht: „Es sind zum Teil Mädchen im Alter von 16-22 Jah­ren, arme Waisenkinder, die schon recht weit vom Wege abgeirrt waren, die früher nirgends aushielten und nun anfangen, das Glück eines geordneten, arbeit­samen friedlichen Lebens zu schätzen, gern im Stift verweilen und sich willig der Hausordnung fügen. In wöchentlich ab­wechselnder Reihenfolge werden die Mäd­chen zu aller Arbeit herangezogen. Mögen sie in der Küche, bei der Haus­arbeit im Nähe- oder Kin­derzimmer, in der Waschküche oder dem Bügel­zimmer beschäf­tigt sein, stets steht ihnen eine erfahrene Schwester zur Seite, die gründ­liche An­lei­tung zur Arbeit gibt und durch ihr Beispiel eine eindringliche Sprache redet, die nicht ohne Wirkung bleibt."





Auszug aus dem Aufnahmebuch des Johannesstifts, . . .
(Bildnachweis: Johannesstift Wiesbaden)





. . . Doppelseite vom 17.1. bis 15.3.1908
(Bildnachweis: Johannesstift Wiesbaden)




Über die Bestimmungen der Hausordnung, die Ausgangsbeschränkungen und andere Diszi-plinierungsmethoden gibt der Anhang der ersten gedruckten Vereins­satzung von 1908 Auskunft. Die Regeln atmen den Geist und strengen Erzie­hungsstil jener Zeit. Von den Mädchen wurden Gehorsam, Demut und Fleiß gefor­dert. Ihr Alltag war vom frühen Aufstehen um 5.30 Uhr, dem morgendlichen und abendlichen gemeinsamen Gebet in der Kapelle und einem nur von den Essens­pausen unterbrochenen 12-stündigen Arbeitstag geprägt. Die Beschrei­bung der ersten Weihnachtsfeier im Hause zeigt jedoch auch, dass diese Mädchen, die elternlos waren oder keinen Kontakt zu ihren Familien hatten, im Johannes­stift eine sichere Zuflucht und so etwas wie eine Heimat fanden, etwas, das sie meist seit vielen Jahren nicht gekannt hatten.


(Bildnachweis: Johannesstift Wiesbaden)




Mitte Februar 1908, am Stichtag der ersten Jahresrechnung, war der Fürsorge­verein mit einer Schuld von 63.000 Mark (durch den Kauf des Hauses in der Platter Straße) belastet, dem jedoch ein gut eingerichtetes Anwesen gegenüber­stand.


Stammhaus in der Platter Straße
(Bildnachweis: Johannesstift Wiesbaden)





(Bildnachweis: Johannesstift Wiesbaden)




Die Schwestern versuchten, dem Haus Einkünfte durch die Übernahme von Auf­trägen für Näh-, Wasch- und Bügelarbeiten zu verschaffen; hinzu kamen Pflege­gelder für einige Mädchen. Diese Einnahmen beliefen sich auf 864 Mark. Ohne die großzügige Unterstützung durch Geschäfte und private Spender in Form von Naturalien hätte der Betrieb des Hauses nicht sichergestellt werden können. Unterstützung erfuhr die neue Einrich­tung auch durch verschiedene andere örtliche katholische Vereine, vor allem durch den Katho­lischen Frauenbund, dessen Erste Vorsitzende, Gräfin Julie Matuschka-Greiffenklau, gleichzeitig die stellvertretende Vorsitzende des Fürsorgever­eins war.

Es zeigte sich von Anfang an, dass eine Einrich­tung wie das Johannesstift, eben­so wie andere Wohltätigkeitseinrichtungen in Wiesbaden, auf Spenden ange­wiesen war und sich nicht selbst würde tragen können. Hinzu kam die Er­kenntnis, dass die Räumlichkeiten schon nach wenigen Monaten des Beste­hens nicht mehr ausreichten, sondern dass man das Haus ausbauen musste. Allein von 1. Januar bis Mitte Februar 1908 waren weitere zehn Mädchen und vier Säuglinge hinzu­ge­kommen, so dass die Einrichtung einer eige­nen Säuglingsstation unumgänglich schien.

Im Jahr 1911 konnte ein Erweiterungsbau fer­tiggestellt werden, in dem u.a. eine helle, luftige Waschküche Platz gefunden hatte. Sie war höchst modern mit „elek­trischem Betrieb" ausgestattet. Man hoffte, durch zunehmende Wäscherei­auf­träge die hohen Investitionskosten bald wieder hereinholen zu können. Für die Kinderwäsche gab es einen gesonderten Raum. Über der Waschkü­che befand sich ein neuer Nähsaal, in den von drei Seiten durch hohe Fenster das Tageslicht ein­fiel. Das bisherige Nähzimmer im Altbau wurde nun als Aufenthaltsraum für die größeren Kinder umgestaltet. Von großem Nutzen war der Gar­ten. Er wurde von den Schwestern gemeinsam mit den Zöglingen bestellt, und jedes Fleckchen wurde zum Anbau von Gemüse ausgenutzt. Der Ertrag kam der Küche des Johannesstifts zugute und half Kosten sparen. Gleichzeitig waren die Gartenarbeit und das Beobachten der Natur von pädagogischem Wert.24

Durch Zufall ergab sich im Jahr 1911 die Mög­lichkeit, ein Nachbargrundstück, das Gelände der Gärtnerei Kletti, zu erwerben. Trotz der finanziel­len Belastung griff der Verein zu, zum einen, um das relativ kleine Außengelände des Stifts zu er­weitern, zum anderen aber nicht zuletzt auch, um die Ansiedlung einer ungeeig­neten anderweitigen Nutzung (zum Beispiel eines Gasthauses) zu ver­hindern. Der Kaufpreis für die Fläche von rund 77 Ruten (ca. 1.100 m2) betrug 49.000 Mark. Verschiedene Spender und eine vom Limburger Bischof empfohlene Kollekte im Bistum zuguns­ten des Johannestifts erleichterten den Ankauf. Gleichwohl berei­teten die erhöhten Zinsbelas­tungen, die nun auf dem Anwesen ruhten, dem Verein große Sorge.


Stammhaus mit Erweiterungsbau von 1911
(Bildnachweis: Johannesstift Wiesbaden)




Unter den Spenden und Gaben, die das Stift alljährlich von vielen Unterstützern erhielt, stach eine besonders heraus: von einer anonymen Gönnerin erhielt es 1911 einen kleinen Grauschimmel, der hervorragende Dienste leistete. Er zog nun den Wagen, mit dem die Wäsche aus der hauseigenen Wäscherei bei den Kunden ab­geholt und ausgeliefert wurde. Der Betrieb hatte einen solchen Umfang angenommen, dass er ohne das Pferdchen kaum mehr hätte bewäl­tigt werden können. Der Wirtschaftsbetrieb des Heims, bestehend aus Wäscherei und Näherei, bedeutete eine wichtige Einnahmequelle für das Stift, die einen Teil der Haushaltskosten abdeckte. Dies spielte besonders im Ersten Weltkrieg eine große Rolle, als die Nahrungsmittelpreise von Tag zu Tag stiegen.25 Die Zöglinge erhielten durch die abwechselnde Beschäftigung in Wäscherei, Nähstube, Bügel­zimmer und Gemüsegarten eine gründliche hauswirtschaftliche Ausbildung. Ziel des Vereins war es, die Mädchen bei Entlassung aus dem Heim in geeigneten Dienststellen un­terzubringen und sie von der Fabrikarbeit fernzu­halten, da letztere in dem Ruf stand, zu einem unmoralischen Lebenswandel zu verführen.

Im Jahr 1912 wurden 90 Mädchen im Heim aufgenommen. Davon waren 49 junge Mütter, von denen einige erst 15, 16 oder 17 Jahre alt waren. Vorsichtige Andeu­tungen in den Berich­ten lassen den Schluss zu, dass das häusliche Umfeld, oft die eigenen Eltern für diese frühen Schwangerschaften ihrer Töchter verantwort­lich waren, sei es, dass in der Familie Mädchen miss­braucht wurden, sei es, dass sie der Prostitution zugeführt wurden.26


Kinderheim des Johannesstifts
(Bildnachweis: Genossenschaft d. Cellitinnen n. d. Regel des hl. Augustinus)




Die in den Jahresberichten enthaltenen Be­richte des Anstaltsarztes zeigen, wie hoch die Kindersterblichkeit Anfang des 20. Jahrhunderts noch war. So berichtete Dr. Vigener 1911, dass der Gesundheitszustand der 85 Mädchen, die im Lauf des Jahres im Johannesstift aufgenommen wurden, gut gewesen sei. Von den 61 betreuten Säuglingen und Kleinkindern starben dagegen neun, davon zwei an „Lebens­schwäche", fünf an chronischen Ernährungsstörungen, eines an Krämpfen und eines an einer Hauterkrankung. Im Jahr 1912 gab es fünf Todes­fälle; 1913 starb erfreulicherweise nur ein Kind an den Folgen von Keuchhusten.

Zunehmend wurde deutlich, dass das Zu­fluchtshaus zu klein war und dringend eines Erweiterungsbaues bedurfte. So heißt es im Rechenschaftsbericht von 1912: „Aus der prak­tischen Erfahrung ergibt sich die Notwendigkeit, in unserem Schutzhaus die gefährdeten von den gefallenen, die jugendlichen von den äl­teren Mädchen zu trennen, worauf auch schon die Behörden des öfteren hinwiesen. Jede dieser verschiedenen Klassen bedarf verschiedener erzieherischer Einwirkungen. Zweck unserer Be­strebungen ist ja nicht nur, vorübergehende Not zu lindern, Schutz und Obdach für einige Zeit zu gewähren, sondern vielmehr tüchtige, für das Leben brauchbare Menschen heranzubilden. ... Auch die Säuglingsstation ist fortwährend über­füllt und genügt nicht den hygienischen Anforde­rungen."

Vom Landeshauptmann wurde überdies im Herbst 1912 das Anliegen an Mathilde Großmann herangetragen, auf dem Gelände des Johannes­stifts auch eine Station für geschlechtskranke Für­sorgezöglinge zu errichten. Sie berichtete darüber in einem Brief an Agnes Neuhaus in Dortmund und teilte auch die Bedenken mit, die die meis­ten Mitglieder des Wiesbadener Fürsorgevereins hatten. Man befürchtete, das Johannesstift könne einen schlechten Ruf bekommen und könne auch Wäschekunden verlieren. Die Wäscherei bedeutete jedoch für das Heim eine wichtige Einnahmequelle.27 Das Projekt verzögerte sich, vermutlich wegen der beengten Verhältnisse im Johannesstift und durch den Kriegsausbruch. Erst im Oktober 1920 wurde eine Station für katho­lische geschlechtskranke Zöglinge eingerichtet.28


Findling“ Johannes
(Bildnachweis:
Genossenschaft d. Cellitinnen n. d. Regel des hl. Augustinus)




Für den geplanten Erweiterungsbau hatte man bereits das benachbarte Grund­stück der Gärtnerei Kletti (Platter Straße 80) sowie ein kleines Grund­stück von den Erben Heuß erworben. Durch Hin­zukauf eines städtischen Teilgrund­stücks, das in das Areal des Johannesstifts hineinragte, und durch einen Geländetausch mit der Stadt gelang es, das Areal so abzurunden, dass ausreichend Platz für ein zusätz­liches Haus vorhanden war. Die Fläche des Grundbesitzes umfasste nun 55,85 Ar (5.585 qm). Der Magistrat hatte sich beim Kauf­preis sehr entgegenkommend gezeigt, außerdem wurde die Umsatzsteuer erlassen, und der jähr­liche Zuschuss der Stadt an den Fürsorgeverein wurde von 500 auf 1000 Mark erhöht.29


"Kompottzimmer"
(Bildnachweis: Genossenschaft d. Cellitinnen n. d. Regel des hl. Augustinus)




Die Hoffnung, den Neubau bereits 1913 er­richten zu können, erfüllte sich aufgrund verschie­dener Schwierigkeiten allerdings nicht. Als diese endlich beseitigt waren, verzögerte der Kriegsaus­bruch im August 1914 erneut den Baubeginn.

Der Vorstand des Fürsorgevereins, der patrio­tisch gesonnen war, spielte für kurze Zeit mit dem Gedanken, das Haus dem Roten Kreuz als Laza­rett zur Verfügung zu stellen, entschied sich dann aber dagegen: „Aber nach reiflicher Überlegung sah der Vorstand im Hinblick auf unsere hilflosen Säuglinge und schutzbe­dürf­tigen Mädchen, die wir nicht des Heims berauben wollten, davon ab. Wir glaubten dem Vaterland am besten zu die­nen, indem wir in dem stillen Rahmen der seit­herigen Tätigkeit verharrten, bemüht, schwaches Leben zu erhalten, gefährdete Jugend zu schüt­zen und zu festigen."30

Bestätigt wurde diese Entscheidung durch das Schreiben des Ministers des Innern Nr. 2491 vom 19. August 1914, in dem Einrichtungen der Säug­lings-, Kinder- und Jugendfürsorge aufgefordert wurden, ihre Häuser geöffnet zu halten.


Kinderheim auf der Terrasse des Neubaus
(Bildnachweis: Genossenschaft d. Cellitinnen n. d. Regel des hl. Augustinus)




Unter diesen Umständen beschloss der Vor­stand, die Planungen für den Erwei­terungsbau voranzutreiben. Am 11. Juni 1915 erfolgte die Grundsteinlegung durch Pfarrer Hilfrich, und der Rohbau konnte bis Jahresende weitgehend voll­endet werden. Ein Riesenproblem stellten für den Verein allerdings die kriegsbedingt ständig steigenden Preise dar. Es war absehbar, dass die Baukosten um ein Drittel über dem Voranschlag von 1913 liegen würden. Ein Jahr später, als die Innenaus­stattung erfolgte, waren sie bereits auf das Doppelte angestiegen. Durch verschie­dene Spenden, eine größere Schenkung (Mathilde Großmann wandelte ein früher gewährtes Darle­hen in Höhe von 77.000 Mark in eine Schenkung um) und die Auf­nahme von neuen Darlehen konnte das Projekt jedoch vollendet werden.31


Ausflug der Schwestern-Schülerinnen
(Bildnachweis: Genossenschaft d. Cellitinnen n. d. Regel des hl. Augustinus)




Am 19. März 1917 wurde der Neubau feier­lich dem Betrieb übergeben. Er beher­bergte das Säuglingsheim sowie Räume für die jüngeren Kinder. In den sonnigen großen Hallen konnten die Kleinkinder nun tagsüber in ihren Bettchen an der frischen Luft sein, wovon sich der Anstalts­arzt, Dr. Schrank, auch eine Verbes­serung des Ge­sundheitszustandes versprach. Es ist eine beacht­liche Leistung des Vereins, dass dieses Gebäude mitten im Ersten Weltkrieg vollendet wurde, als praktisch alle private Bautätigkeit zum Erliegen gekommen war.

Während des Krieges wurden die Zöglinge des Johannesstifts, ebenso wie die Kinder in den Schulen, im vaterländischen Geist erzogen. So liest man im Rechen­schaftsbericht von 1915:

Auch in den Geist der großen Zeit werden die Zöglinge eingeführt, indem eine erfahrene Dame in jeder Woche Vorträge über die Kriegs­ereignisse hält und die wichtigsten Vorgänge bespricht. Auf der Karte wird das siegreiche Vor­dringen unsrer Heere in Feindesland verfolgt, Luftschiffe und Unterseeboote werden erklärt, Zeitungsausschnitte gelesen und erläutert."

Der Einfluss des Krieges auf die heranwachsenden Mädchen bereitete den Frauen des Fürsorge­vereins allerdings große Sorge, wie dem Rechen­schafts­bericht von 1917 zu entnehmen ist:„Schutz und Rettung gefährdeter Kinder und Mädchen ist ein viel schwierigerer, trauriger Punkt. Durch die lange Kriegszeit greift die Verrohung der Jugend in erschreckender Weise um sich, und es ist sehr schwer, der zunehmenden Sittenlosigkeit Einhalt zu tun. Ungehorsam und Auflehnung machen es den Schwestern häufig fast unmöglich, ihren Willen durch­zusetzen. Das schlechte Beispiel zu Hause, selbst der eigenen Mutter, ist oft Schuld an der Sittenlosigkeit der Mädchen."

Die Knappheit an Lebensmitteln besonders im „Hungerwinter" 1916/17, die immer rascher steigenden Preise und die lange Abwesenheit der Ehemänner und Väter hatte offenbar zur Folge, dass auch etliche Mütter der Prostitution nachgin­gen, um das Familieneinkommen und den Kü­chenzettel aufzubessern.

Auch in den ersten Jahren nach dem Krieg war die Ernährungslage in den Groß­städten noch von großem Mangel gekennzeichnet. So wird im Rechen­schafts­bericht für 1921 Klage geführt: „Ganz ausserordentliche Schwierigkeiten machte uns die richtige Milchversorgung der Kinder. Mit großer Mühe erreichten wir es endlich, dass uns für die Säuglinge die Milch direkt aus dem Stall geliefert wird."


Kinderheim des Johannesstifts
(Bildnachweis: Genossenschaft d. Cellitinnen n. d. Regel des hl. Augustinus)




Der Bedarf an Heimplätzen stieg in den wirt­schaftlich schwierigen Zeiten der zwanziger Jahre stark an. Waren während des Krieges durch­schnittlich 100 bis 120 Mädchen sowie 90 bis 135 Kinder pro Jahr im Johannesstift unterge­bracht, so zählte man im Jahr 1921 bereits 200 Mädchen und fast 230 Kinder. Die Zahl der Mäd­chen lag in den folgenden Jahren fast immer zwi­schen 200 und 300 und er­reichte im Jahr 1933 erstmals 341.

Im Jahr 1929 wurde im Johannesstift eine eigene Entbindungsstation eingerichtet, um den ledigen Müttern den Krankenhausaufenthalt zu ersparen.

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