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Die Gründung des Katholischen Fürsorgevereins für Mädchen, Frauen und Kinder durch Agnes Neuhaus Vor diesem Hintergrund gründete Agnes Neuhaus im Dezember 1899 bzw. offiziell am 19. Juni 1900 gemeinsam mit einigen gleichgesinnten katholischen Frauen in Dortmund den „Verein vom Guten Hirten", der sich wenig später in „Katholischer Fürsorgeverein für Frauen, Mädchen und Kinder" (KFV) umbenannte. Agnes Neuhaus, 1854 als älteste Tochter des leitenden Arztes des Johanneshospitals, Adolf Morsbach, in Dortmund geboren, wuchs in einem stark religiös geprägten katholischen Umfeld auf. Sie studierte zunächst Musik, heiratete jedoch noch vor Abschluss der Examen den Gerichtsassessor Adolf Neuhaus und führte zunächst einige Jahre lang das standesgemäße Leben einer in ihrem Wirkungskreis auf Haus und Familie beschränkten Ehefrau aus dem gehobenen Bürgertum. 1890 wurde ihr Mann als Amtsrichter nach Dortmund versetzt, und Agnes Neuhaus - sie war inzwischen Mutter von drei Kindern - zog mit ihrer Familie zurück in ihre Heimatstadt.
Nach eigenem Bekunden war es Zufall, dass sie Zugang zur Fürsorgearbeit fand. Es ist jedoch anzunehmen, dass sie bereits in ihrer Jugend als Tochter in einem Arzthaushalt und dann als Ehefrau eines Amtsrichters in Gesprächen manches über die sozialen Probleme jener Zeit erfuhr und eine gewisse Sensibilität für die Not der unterprivilegierten Bevölkerungsschichten entwickelte. Der konkrete Anstoß, der sie zur Gründung des Vereins bewog, war für sie dann die folgende Erfahrung: Der 1897 neu als Stadtrat nach Dortmund gekommene Dr. Henrici, der für das Armenwesen und den Gemeindewaisenrat zuständig war, bemühte sich, Frauen für die ehrenamtliche öffentliche Armenpflege zu gewinnen. 1899 ließ sich Agnes Neuhaus von ihm zur Mitarbeit überreden. Schon ihr erster Fall führte sie auf die Geschlechtskrankenstation des städtischen Krankenhauses, wo ihr die Augen für die große Not und das Elend zahlreicher Mädchen und Frauen geöffnet wurden. Nun fühlte sie sich, auch aus ihrem Glauben heraus, verpflichtet, als Frau hier helfend einzugreifen, wobei sie ihre Arbeit stets in erster Linie als „Rettung der Seelen" betrachtete.7 Zunächst kümmerte sie sich darum, dass die gefährdeten, meist minderjährigen Mädchen in Klöstern vom Guten Hirten untergebrachtwurden. Die Kosten brachte sie mit Unterstützung ihres Pfarrers, Propst Löhers, aus privaten Spenden auf. Als diese Mittel für die große Zahl von Fällen nicht mehr ausreichten, beschloss Agnes Neuhaus zusammen mit Propst Löhers, einen Verein zu gründen und warb weitere katholische Frauen aus ihrem Umfeld dafür an. Am ersten Adventssonntag des Jahres 1899, dem 3. Dezember, gingen die Frauen in der Dortmunder Propsteikirche gemeinsam zur Heiligen Kommunion, bevor sie die Vereinsgründung berieten. Dieser Tag wurde später als inoffizieller Gründungstag des Fürsorgevereins betrachtet. Die Organisation nannte sich zunächst „Verein vom Guten Hirten", da zu diesem Zeitpunkt noch die meisten Schützlinge in den Klöstern vom Guten Hirten untergebrachtwurden. Doch schon bald kristallisierte sich als angestrebtes Arbeitsfeld des Vereins die offene Gefährdetenfürsorge heraus. Am 19. Juni 1900 sprach der Jesuitenpater Julius Seiler, der als Seelsorger in Klöstern vom Guten Hirten Erfahrung auf diesem Gebiet mitbrachte, auf Einladung von Agnes Neuhaus vor etwa dreißig Frauen in der Propsteikirche in Dortmund. Er führte aus, dass zu den Aufgaben des neuen Vereins neben der Unterbringung der Mädchen in einer Anstalt auch die Fürsorge nach der Entlassung der Schützlinge aus der Obhut des Klosters und die vorbeugende Arbeit zum Schutz der weiblichen Jugend vor den Gefahren des Großstadtlebens gehören müsse. Angetan von dem eindringlichen Vortrag, schlossen sich mehrere der anwesenden Frauen zu einem neuen Verein mit erweiterter Zielsetzung zusammen. Der 19. Juni 1900 wurde deshalb später von Agnes Neuhaus stets als das eigentliche Gründungsdatum genannt. Als geeigneten Ansatzpunkt für die Gefährde-tenfürsorge betrachtete Agnes Neuhaus den Kontakt zu den syphilitischen Stationen der Krankenhäuser und zur Sittenpolizei. Die Zusammenarbeit mit Polizei und kommunalen Behörden gehörte von Anfang an zu den Prinzipien der Vereinsarbeit. Durch ihren Mann, der auch Vormundschaftsrichter war, erhielt sie wertvolle Unterstützung und Kenntnisse in juristischen Fragen, z.B. hinsichtlich der einschlägigen Bestimmungen im Bürgerlichen Gesetzbuch, das am 1. Januar 1900 in Kraft getreten war. Dank dieses Fachwissens sowie guter persönlicher, zum Teil verwandtschaftlicher, Beziehungen zur Spitze der Dortmunder Polizei, zum Gefängnisarzt, zu den entsprechenden Krankenhausärzten und zur katholischen Kirche gelang es Agnes Neuhaus mit ihrem jungen Verein, rasch als Verhandlungspartnerin akzeptiert und mit Vormundschaften betraut zu werden. Noch im Gründungsjahr ergab sich mehr durch Zufall der Kontakt zu anderen Frauen im Rheinland, die vor allem in der Gefangenenfürsorge aktiv waren. Eine davon war Marie Le Hanne in Köln, die Tochter des Zentrumspolitikers August Reichensperger, durch welche Agnes Neuhaus angeregt wurde, die Arbeit ihres Vereins auf dieses Gebiet auszuweiten. Im Dezember 1900 wurden Vereine vom Guten Hirten in Köln und Aachen gegründet, bis 1903 gab es bereits 13 Vereine, die ihre Satzungen aufeinander abgestimmt hatten und sich auf den rheinisch-westfälischen Raum konzentrierten. Allerdings zeigte sich schon bald, dass der ursprüngliche Vereinsname für das Rheinland wenig geeignet war. Hier wurden Mädchen oft gegen ihren Willen in Klöster vom Guten Hirten eingewiesen, in denen ein sehr rauer Erziehungsstil praktiziert wurde. Diese Anstalten waren bei den Betroffenen verhasst, und sie betrachteten daher die Vereine gleichen Namens mit großem Misstrauen. Deshalb benannten sich die von Agnes Neuhaus und ihren Mitstreiterinnen gegründeten Vereine etwa zur Jahreswende 1901/1902 um in „Katholischer Fürsorgeverein für Mädchen und Frauen". Dies war auch eine bewusste Anlehnung an den Namen des Preußischen Fürsorgeerziehungsgesetzes. Wenig später, am 3. Dezember 1903, wurde der Vereinsname auf „Katholischer Fürsorgeverein für Mädchen, Frauen und Kinder" erweitert, um zum Ausdruck zu bringen, dass auch die Versorgung von zahlreichen, vor allem unehelichen, Kindern zu den Aufgaben gehörte. Am gleichen Tag schlossen sich die bisher bestehenden Vereine gleichen Namens zu einem Verband zusammen und bestimmten Dortmund zur Zentrale. Agnes Neuhaus wurde zur Vorsitzenden des Dachverbandes gewählt. Nach einer kurzzeitigen Stagnation kam es im Jahr 1906 zur Gründung einer Reihe von neuen Vereinen, und zwar nun auch außerhalb des rheinisch-westfälischen Gebietes. Dazu zählte auch die Ortsgruppe in Wiesbaden.
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