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100
Jahre
Mit Dankbarkeit und Stolz blicken wir auf 100 Jahre sozialer Arbeit in Wiesbaden, auf ehrenamtlich und beruflich geleistete Hilfe für Frauen, Kinder und Familien zurück. Es muss als Pionierleistung bezeichnet werden, dass sich 1907 in Wiesbaden einige engagierte Frauen ausgerechnet für die Gefährdeten-hilfe als Arbeitsgebiet entschieden, zu diesem Zweckeinen „Fürsorge-Verein"gründeten und ein Zufluchtshaus für junge Frauen, insbesondere für Schwangere, für alleinstehende Mütter und deren Kinder an der Platter Straße einrichteten. Das Haus, das den Namen Johannesstift erhielt, musste schon bald nach seiner Inbetriebnahme im Oktober 1907 erweitert werden. Denn der Bedarf nach einer solchen Einrichtung war groß. Das in jener Zeit als Kurstadt boomende Wiesbaden zog viele junge Mädchen aus ländlichen Gebieten an, die hier als Dienstmädchen in Hotels und Gaststätten sowie in Privathaushalten arbeiteten - und zwar ohne arbeitsrechtlichen Schutz. Bei Schwangerschaft wurden sie entlassen. Diese Frauen fanden im Johannesstift Zuflucht und Schutz. Sie konnten im Haus entbinden und auch einige Zeit mit den Säuglingen bleiben. Darüber hinaus sollten sich nach der Vereinssatzung die „Vereinsmütter" der Schützlinge „dauernd annehmen", sie „liebevoll aufnehmen" und ihnen persönlich jederzeit Rat und Hilfe gewähren. Die Initiatorin dieser speziellen Form von Hilfe für Frauen war die charismatische Agnes Neuhaus, später Reichstagsabgeordnete der Zentrumspartei. Nachdem sie 1900 in Dortmund den ersten „Katholischen Fürsorgeverein für Mädchen, Frauen und Kinder" (KFV) ins Leben gerufen hatte, reiste sie unermüdlich und regte die Gründung von Ortsvereinen auf der Grundlage der Satzung des Dortmunder KFV an. Auch der Wiesbadener KFV war von Anfang an ein Ortsverein unter dem Dach des Dortmunder Gesamtvereins. Wie der Gesamtverein, so schlossen sich sämtliche Ortsvereine dem Deutschen Caritasverband an. 1968 erfolgte die Umbenennung von Gesamtverein und Ortsverbänden in „Sozialdienst katholischer Frauen" (SkF). Wie oben erwähnt, war die Gründung eines Vereins, der sich der verlassenen, oft bereits in die Prostitution geratenen Frauen und ihrer Kinder annahm, damals eine Pionierleistung, die Mut erforderte. Die Not jener jungen Frauen, das Elend sowie die geringe Lebenserwartung und die mangelnde Perspektive der unehelich geborenen Kinder wurden von der Gesellschaft nicht als Aufgabe karitativen Handelns aus christlicher Nächstenliebe, sondern in der Regel nur als Sünde, Ordnungswidrigkeit oder Straftat gesehen. Konsequenterweise begegnete man den Abweichungen von bürgerlicher Ordnung mit Ausgrenzung, Zwangsmaßnahmen oder gar Bestrafung. Dass die Gründerfrauen sich dieser Verstoßenen annahmen, geschah aus religiöser Überzeugung von der Gottesbildlichkeit und Gotteskindschaft aller Menschen, die am radikalsten in dem Wort „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan" (Matth. 25, 40) zum Ausdruck kommt. Aus diesem Glauben erwuchsen die Hoffnung, etwas bewirken zu können, und die Kraft, sich der Hilfsbedürftigen „liebevoll", wie es in der Satzung hieß, anzunehmen. Und dies sollte, so schrieb Agnes Neuhaus, nie von oben herab geschehen: „nicht die ,Dame' der ,armen Frau'..., sondern die eine Frau der anderen, die eine Mutter... der anderen Mutter..., die eine Schwester der anderen" („Leben und Werk", S. 73). Diese solidarische Zuwendung „auf Augenhöhe", kombiniert mit hoher Kompetenz, wurden das Markenzeichen der Katholischen Fürsorgevereine. Naturgemäß herrschte chronische Unterfinanzierung der Einrichtungen des KFV, und selbstverständlich gab es Widerstände, vor allem in der Zeit des Nationalsozialismus. Wie hat sich die Arbeit in 100 Jahren verändert? Was ist geblieben? Nach wie vor sind der christliche Glaube und die darin verwurzelte Überzeugung, dass menschliches Leben von Gott zum Gelingen bestimmt ist, Fundament der Arbeit. „Es gibt keine hoffnungslosen Fälle", sagte Agnes Neuhaus. Anders als früher werden Selbstbestimmungsrecht und Eigenverantwortung der uns anvertrauten Menschen stärker beachtet. Es wird alles vermieden, was als Missionierung verstanden werden könnte. Anwaltschaftliches Handeln und politisches Eintreten für die Schwachen unserer Gesellschaft werden stärker in den Blick genommen. Trotz vieler gesetzlich verankerter Hilfen gibt es immer noch Hilfsbedürftigkeit, und es gibt immer noch Not, von denen Frauen und Kinder besonders betroffen sind. Immer wird es Leid geben, das Tröstung und Hilfe braucht (Benedikt XVI., Enzyklika „Deus caritas est"). Diesem Leid begegnen Christen mit der aus Glaube, Hoffnung und Liebe gespeisten menschlichen Zuwendung, ohne dabei professionelle Hilfe zu vernachlässigen. Deshalb arbeiten heute wie früher Ehrenamtliche und beruflich Tätige Hand in Hand. Wir versuchen, mit unseren pädagogischen, beruflichen und schulischen Hilfen im Johannesstift Kindern und Jugendlichen eine verbesserte Perspektive zu geben. Unsere Beratungsstelle übernimmt Betreuungen von Menschen, die Schwierigkeiten mit der Bewältigung ihrer Angelegenheiten haben. Sie berät Frauen und Familien und vermittelt finanzielle Hilfen. Unsere Projekte „SkF AnziehTreff", „Alleinerziehendengruppe", „Aktion Moses Wiesbaden" und „Lichtblick" ergänzen die Arbeit der Beratungsstelle. Das Jubiläum ist Anlass, allen, die uns bisher unterstützt haben, unseren Dank auszusprechen: Wir danken vor allem unserem Bischof Dr. Kamphaus für sein mutiges Eintreten für die Schwangerenberatung, für seine ideelle und finanzielle Unterstützung unserer Arbeit. Wir danken unseren Ehrenamtlichen, ohne die unsere Projekte nicht realisierbar wären. Wir danken unseren Mitgliedern und großzügigen Spenderinnen und Spendern, auf deren Zuwendungen wir dringend angewiesen sind. Wir danken unseren Partnern bei staatlichen Behörden und Kommunalverwaltungen für faire Zusammenarbeit. Wir danken den Menschen in unserer Bistum sverwaltung, beim Diözesancaritasverband und beim Caritasverband Wiesbaden, die uns auf vielfältige Weise unterstützen. Wir danken den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unserer Einrichtungen und Dienste, die sich engagiert und kompetent um die Verbesserung der Chancen unserer Klientinnen und Klienten bemühen. Nicht zuletzt danken wir Frau Dr. Hedwig Brüchert für die vorzügliche Darstellung unserer Geschichte. Mit Dankbarkeit blicken wir zurück, mit Mut und Gottvertrauen in die Zukunft. Erika
Nehrkorn, Vorsitzende
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© 2004 - 2013 Sozialdienst katholischer Frauen
Wiesbaden
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