Konzept

Aktion Moses Wiesbaden


Schwanger.
Verzweifelt.
Angst vor Entdeckung.
Und jetzt?
 

I. Ausgangssituation ________________________________________________

Obwohl bereits ein vielfältiges Hilfsangebot für werdende Mütter in besonderen Not- und Konfliktsituationen besteht, gibt es Frauen, welche eine Schwangerschaft austragen und glauben, als Mutter unentdeckt bleiben zu müssen. Dramatische Beziehungs- und Familienverhältnisse, kriminelle Handlungen und psychosoziale Probleme führen dazu, dass sich diese schwangeren Frauen in einer für sie subjektiv ausweglos erscheinenden Situation befinden. Sie haben Angst vor Entdeckung. Die Schwangerschaft wird verheimlicht, verdrängt oder ignoriert. Es drohen Verzweiflungstaten, wie heimliche Geburt, Aussetzung oder Kindstötung.
 
 

II. Ziele ___________________________________________________________

Die zentralen Anliegen der Aktion Moses Wiesbaden sind die frühzeitige Kontaktaufnahme mit der Schwangeren, ihre psychosoziale Beratung und gegebenenfalls das Ermöglichen einer vertraulichen Geburt. Schwangere Frauen in den beschriebenen existenziellen Nöten sollen bereits vor der Entbindung erreicht werden: durch eine breit angelegte Öffentlichkeitsarbeit, das Angebot der anonymen Beratung und niedrigschwellige Hilfsangebote. Nach der Kontakt­aufnahme über eine Telefon-Hotline bietet die Aktion Moses Wiesbaden eine psychosoziale Beratung an. Je nach Problemlage sollen individuelle Lösungs­möglichkeiten gemeinsam mit der Frau erarbeitet werden. Ziel sind praktikable Zukunftsperspektiven für die Mutter und Schutz und Sicherheit für das Kind.
 
 

III. Projektbeschreibung ____________________________________________

III. 1. Tag-und-Nacht-Telefon-Bereitschaft

Durch Kooperation mit dem Sozialdienst katholischer Frauen e.V. Mainz und der Telefonseelsorge Mainz-Wiesbaden e.V. ist es möglich, eine 24-stündige Telefon­bereitschaft sicherzustellen. Diese Hotline bietet fach- und sachkundige Beratung durch hauptberufliche und ehrenamtliche MitarbeiterInnen, die sowohl auf weiterführende Hilfsangebote hinweisen, als auch unmittelbar bei Krisen Unter­stützung anbieten können. Die Telefonschaltungsgebühren teilen sich die SkF Ortsvereine Mainz und Wiesbaden. Nummer der Hotline: 0 18 05 / 0 88 88 0 (12,3 Cent/Min.).
 

III. 2. Psychosoziale Beratung

Je nach räumlicher Orientierung und Fragestellung der AnruferInnen wird eine, auf Wunsch anonyme, Beratung durch Mitarbeiterinnen des SkF e.V. Mainz oder Wiesbaden angeboten. Gemäß dem Beratungskonzept sollen mit der betroffenen Frau verschiedene Szenarien durchgesprochen werden: Kann sie, auch wenn sie anfangs keine Chance für einen gemeinsamen Lebensweg mit dem Kind sah, bei entsprechender Unterstützung doch ihr Kind behalten? Kann sie sich, unter Zusicherung größtmöglicher Vertraulichkeit, zu einer regulären Adoption und zu einer Zusammenarbeit mit dem Jugendamt entschließen? Benötigt sie Unterstützung und Hilfe im Rahmen einer vertraulichen Geburt? Neben der psychosozialen, auf Wunsch anonymen Beratung und dem Angebot, die betroffene Frau beim Umgang mit den Behörden zu unterstützen, besteht in vielen Fällen die Möglichkeit von finanziellen Hilfen durch die „Bundesstiftung Mutter und Kind“, den „Bischöflichen Hilfsfonds des Bistum Limburg“ oder durch Spendengelder des Projektes. Für manche Frau wird das Angebot in Frage kommen, zeitweilig im „Haus des Lebens“ e. V. aufgenommen zu werden.
 

III. 3. Angebot der unentgeltlichen Schwangerenvorsorge und vertraulichen Geburt für Frauen in Angst vor Entdeckung ihrer Schwangerschaft

In der ASKLEPIOS Paulinen Klinik besteht für Schwangere in der beschriebenen Krisensituation die Möglichkeit der unentgeltlichen Schwangerschaftsvorsorge, einer vertraulichen Geburt und Nachsorge. Voraussetzung für dieses Angebot ist die Vermittlung durch den SkF. Dadurch kann eine fachkundige Beratung der Frau noch vor der Entbindung sichergestellt werden, außerdem wird die Gefahr einer missbräuchlichen Inanspruchnahme des Hilfsangebotes verringert.
Die ASKLEPIOS Paulinen Klinik übernimmt bei einer vertraulichen Geburt im Rahmen der Aktion Moses Wiesbaden die Kosten für die Entbindung der Mutter, unabhängig davon, ob die Geburt ambulant, stationär, spontan oder per Kaiserschnitt erfolgt. Bei der vertraulichen Geburt wird der Mutter größtmögliche Diskretion beim Umgang mit ihren Daten auf allen Ebenen zugesichert. Sieht die Mutter keine Möglichkeit für einen gemeinsamen Lebensweg mit dem Kind, so wird der SkF versuchen, eine reguläre Adoption durch das Jugendamt zu vermitteln. Der Wunsch der Frau, dass ihr soziales Umfeld nichts von Schwangerschaft und Geburt erfährt, wird dabei respektiert.
Macht die Mutter trotz der Zusicherung größter Vertraulichkeit keiner Behörde gegenüber Angaben zu ihrer Person, besteht für sie die Möglichkeit, Daten bei einem Notar zu hinterlegen. Persönliche Informationen der Mutter sollen auf jeden Fall an Kind und Adoptiveltern übermittelt werden.
 

III. 4. Aufnahme von Neugeborenen

Durch die Aktion Moses Wiesbaden sollen heimliche Geburten ohne fachkundige medizinische Versorgung verhindert werden. Sollte es jedoch zu einer derartigen, Gesundheit und Leben von Mutter und Kind gefährdenden Geburt gekommen sein, bietet der SkF auch in diesem Fall Hilfen an.
So besteht nach Kontaktaufnahme über die Telefon-Hotline die Möglichkeit der „Arm-zu-Arm-Übergabe“ des Neugeborenen. Ausserdem kann der Mutter für einige Stunden die Möglichkeit gegeben werden, sich auszuruhen und in beschützter Umgebung ihre Situation zu überdenken. Die Möglichkeit der Arm-zu-Arm-Übergabe wird in der Öffentlichkeit nicht ausdrücklich erwähnt, um eine Bedarfsweckung zu vermeiden; alle Kooperationspartner sind jedoch über dieses Angebot informiert und können im Notfall davon Gebrauch machen.
 

III. 5. Inobhutnahme durch das Jugendamt

Nach Abgabe eines Kindes, wird das Kind vom Jugendamt (Abteilung Erziehungshilfen des Amtes für Soziale Arbeit) umgehend in Obhut genommen. Das Jugendamt vermittelt das Baby an eine Pflegefamilie, die das Kind später auch gerne adoptieren würde, weiter. So wird eine missbräuchliche Weitergabe der Kinder von vornherein ausgeschlossen. Die Kosten für das in Obhut genommene Kind trägt das Jugendamt.
 

III. 6. Untersuchung und Behandlung der Neugeborenen

Sollte ein Kind im Rahmen der Aktion Moses Wiesbaden aufgenommen werden, wird es in der Klinik für Kinder und Jugendliche der Dr.-Horst-Schmidt-Kliniken GmbH untersucht und gegebenenfalls behandelt. Es besteht eine Absprache, dass in diesem Fall das Neugeborene vom „Baby-Notarzt-Wagen“ übernommen wird.
 
 

IV. Kooperationspartner ____________________________________________

IV. 1. SkF e.V. Frankfurt

Der SkF e.V. Frankfurt sammelt bereits seit September 2001 Erfahrungen mit seinem Projekt „Aktion Moses“ und stellt dem SkF e. V. Wiesbaden sein Wissen und seine Vorarbeiten großzügig zur Verfügung. So konnte u.a. die Frankfurter Werbekampagne, mit gewissen Abwandlungen, von Wiesbaden genutzt werden.
 

IV. 2. SkF e.V. Mainz

Es besteht nicht nur bei der Telefon-Hotline eine Kooperation der SkF-Ortsvereine Mainz und Wiesbaden. Der SkF e.V. Mainz initiierte im November 2002 seine „Aktion Moses“ mit etwas anderen Schwerpunkten, aber derselben Zielsetzung. Wiesbaden profitiert sehr von den Vorarbeiten und Erfahrungen der Mainzer Kolleginnen.
 

IV. 3. Telefonseelsorge Mainz-Wiesbaden e.V.

Kooperation bei der Tag-und-Nacht-Telefon-Bereitschaft: Am Abend und in der Nacht, am Wochenende und an Feiertagen übernimmt die Telefonseelsorge die Hotline (01805-088880) und steht nicht nur für Auskünfte und Hilfsangebote, sondern auch zur akuten Krisenintervention zu Verfügung.
 

IV. 4. ASKLEPIOS Paulinen Klinik,
Gynäkologische und geburtshilfliche Abteilung

Kooperation bei der vertraulichen Geburt, der Schwangerschaftsvorsorge und der Nachsorge; Übernahme der Kosten von erbrachten Leistungen im Rahmen der Aktion Moses Wiesbaden.
Voraussetzung: vorherige Vermittlung durch den SkF e.V. Wiesbaden.
 

IV. 5. Jugendhilfezentrum Johannesstift GmbH

Möglichkeit der Arm-zu-Arm-Übergabe; Gesprächsbereitschaft und konkrete Hilfsangebote für die Mutter – rund um die Uhr.
Voraussetzung: vorherige Kontaktaufnahme über die Telefon-Hotline (01805-088880).
 

IV. 6. Dr.-Horst-Schmidt-Klinken GmbH,
Klinik für Kinder und Jugendliche

Gegebenenfalls Versorgung von Neugeborenen durch den Baby-Notarzt-Wagen; klinische Untersuchung und Behandlung des in Obhut des Jugendamtes genommenen Kindes.
 

IV. 7. Landeshauptstadt Wiesbaden, Amt für Soziale Arbeit, Abteilung Erziehungshilfen (Jugendamt)

Kooperation bei der vertraulichen Geburt, bei der Adoptionsvermittlung, gegebenenfalls bei der Inobhutnahme von Kindern.
 

IV. 8. „Haus des Lebens“ e.V.

Hilfe für Frauen in und nach Schwangerschaftskonfliktsituationen bietet das „Haus des Lebens“ e.V. an; betroffenen Frauen, mit oder ohne Kind, wird dort unbüro­kratisch und verschwiegen ein Zufluchtsort als Schutz- und Lebensraum angeboten, mit der Möglichkeit der Unterstützung und Beratung in der Zeit vor und nach der Entbindung.
 

IV. 9. Notariat

Die Zusammenarbeit mit einem Rechtsanwalt und Notar ist wegen der eventuell von der Mutter gewünschten Hinterlegung vertraulicher Daten erforderlich. Außerdem kann sein Rat bei juristischen Fragen eingeholt werden.
 

IV. 10. SkF-Zentrale Dortmund

Mehrere Dutzend SkF-Ortsvereine engagieren sich in Projekten, die ähnliche Ziele wie die Aktion Moses Wiesbaden verfolgen. Die Zentrale des Sozialdienst katholischer Frauen in Dortmund führt qualitative und quantitative statistische Erhebung durch, um zu ermitteln, ob die Ziele, die mit Initiierung dieser Projekte verknüpft waren, auch erreicht wurden. So können verlässliche Daten gewonnen werden. Die Zentrale steht im Gespräch mit verschiedenen kirchlichen, politischen und privaten Organisationen und Gruppierungen, welche sich u.a. mit Themen rund um Adoptionen und die „vertrauliche Geburt“ beschäftigen. Positionspapiere und Stellungnahmen der Zentrale des SkF geben den insgesamt circa 180, rechtlich selbständigen Ortsvereinen Orientierungshilfen.
 

IV. 11. Mitglieder und Ehrenamtliche

Von großer Bedeutung ist die Unterstützung der Aktion Moses Wiesbaden durch ehrenamtliche MitarbeiterInnen und Mitglieder des SkF e.V. Wiesbaden.
 
 

V. Beratungsstelle des SkF e.V. Wiesbaden ___________________________

Adresse: Platter Str. 80, 65193 Wiesbaden.
Sekretariat: Tel. 0611 / 95 28 70; Fax: 0611 / 59 00 422
Zuständige Mitarbeiterinnen:
Dipl.-Päd. Rosemarie Bürger (Dienststellenleiterin)
Dipl.-Soz.Päd. Monika Nicodemus
 
 

VI. Öffentlichkeitsarbeit _____________________________________________

Gewünscht ist eine breite Öffentlichkeitsarbeit. Die Frankfurter Werbeagentur Opak entwarf für die Aktion Moses Wiesbaden Materialien, die auf den Werbe­kampagnen der SkF Ortsvereine Frankfurt und Mainz aufbaut. So präsentieren sich die jeweiligen Projekte namens „Aktion Moses“ der drei SkF-Ortsvereine Frankfurt, Mainz und Wiesbaden mit einem einheitlichen äußeren Erscheinungs­bild, wenn auch inhaltlich geringe Unterschiede bestehen.
Die Werbekampagne der Aktion Moses Wiesbaden wird sowohl von der Firma Opak als auch von der DSM (DeutscheStädteMedien) großzügig unterstützt. In Wiesbaden wird durch Flyer, Handzettel, CityCards und kleine Plakate in Bussen, an Bushaltestellen, in Gaststätten, Schulen, Pfarrgemeinden, Arztpraxen, Apotheken, verschiedenen Behörden, etc. auf die Aktion Moses Wiesbaden aufmerksam gemacht.
 
 

VII. Finanzierung ___________________________________________________

Die ASKLEPIOS Paulinen Klinik übernimmt im Falle einer vertraulichen Geburt die Kosten für die Entbindung der Mutter, unabhängig davon, ob die Geburt ambulant, stationär, spontan oder per Kaiserschnitt erfolgte. Bei einer Inobhutnahme trägt die Abteilung Erziehungshilfen des Amtes für Soziale Arbeit (Jugendamt) die Kosten für das Kind. Der SkF e. V. Wiesbaden finanziert die Aktion Moses Wiesbaden über Eigenmittel, Zuwendungen des Bistum Limburg, Zuschüsse des Sozialministeriums des Landes Hessen und durch Spenden verschiedener Organisationen und Privatpersonen.
Bei der Realisierung des Projektes ist der SkF auf Spenden angewiesen: Pax Bank eG, Konto 400 13 13 040, BLZ 370 601 93, Kennwort: Aktion Moses Wiesbaden.
 
 

VIII. Abschließende Bemerkungen ____________________________________

Durch die Zusammenarbeit mehrerer Kooperationspartner bietet die Aktion Moses Wiesbaden ein dichtes Netzwerk verschiedenartiger Hilfen. Alle Beteiligen wissen, dass dieses Projekt eine Gratwanderung darstellt: Man möchte einerseits eine offensichtliche Lücke im Hilfsangebot schließen, andererseits keinen Bedarf wecken oder kriminellen Handlungen Vorschub leisten. Der Sozialdienst katholischer Frauen e.V. Wiesbaden widmet sich seit 1907 der Hilfe für sozial gefährdete Kinder, Jugendliche, Frauen und deren Familien. Seit dem 17. Juni 2003 engagiert er sich für sie auch in der Aktion Moses Wiesbaden!.


Dorothea Gruß, 1. stellvertretende Vorstandsvorsitzende

Wiesbaden, 21. Juli 2003



 

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Stand: 17.10.2011